Philipp Gassert, Die bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat – im Guten wie im Schlechten, Dtv Verlagsgesellschaft München 2026, 352 S., € 26,–.

Ph. Gasserts Buch stellt eine umfassende und differenzierte Analyse der historischen Entwicklung sowie der globalen Bedeutung der USA dar. Der Autor – Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim – verfolgt dabei das Ziel, die USA nicht nur als politische Macht, sondern als komplexes historisches und gesellschaftliches Phänomen zu interpretieren. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die These, dass die amerikanische Geschichte von grundlegenden strukturellen Widersprüchen geprägt ist, die sich durch alle Epochen ziehen und bis in die Gegenwart hineinwirken. Diese im Buchtitel erwähnte „Bipolarität“ wird nicht als Ausnahmezustand verstanden, sondern als konstitutives Merkmal.

In der Einleitung (9–35) verbindet Gassert aktuelle politische Entwicklungen – insbesondere die Präsidentschaft Donald Trumps – mit langfristigen historischen Perspektiven. Die Migrationspolitik dient dabei als Beispiel für grundlegende Spannungen zwischen Freiheit und Kontrolle. Im weiteren Verlauf des Buches analysiert der Autor zentrale Themen wie „amerikanische Freiheit“ (37–62), „Die Erfindung der modernen Demokratie“ (61–107) und in weiteren Kapiteln „Pursuit of Happiness“ (109–148) sowie „Demokratische Weltherrschaft: Amerikanischer Imperialismus“ (149–208). Nach dem „Fegefeuer: Markt, Staat und Kapitalismus“ (209–242) skizziert Gassert mit dem Kapitel „Der große Sinnstifter: Hegemonie und Widerstand“ (243–300) die verschiedenen Ideen von Markt. Den Schluss bildet eine Reflexion zu „Unabhängigkeitserklärungen nach 250 Jahren“ (301–311).

Ein zentrales Argument betrifft die Ambivalenz des Freiheitsbegriffs: Während Gleichheit und Selbstbestimmung proklamiert werden, bestehen parallel dazu Ungleichheit, Rassismus und Ausgrenzung. Auch die Entwicklung der Demokratie wird als offener Prozess dargestellt, der durch soziale Bewegungen und Konflikte geprägt ist. Demokratie erscheint nicht als Zustand, sondern als dynamischer Prozess. Im wirtschaftlichen Bereich zeigt Gassert, dass der Staat eine aktivere Rolle spielte als oft angenommen. Darüber hinaus wird die Verbindung von wirtschaftlichem Fortschritt und sozialer Ungleichheit betont. Die internationale Rolle der USA beschreibt Gassert als widersprüchlich: Einerseits fördern sie Demokratie, andererseits verfolgen sie machtpolitische Interessen. Auch kulturell haben die USA eine enorme globale Ausstrahlungskraft, die sowohl Bewunderung als auch Kritik hervorruft.

Philipp Gassert geht auch auf das kirchliche und religiöse Leben in den USA ein. Amerika ist ein Land der Gotteshäuser, schon im 19. Jahrhundert gab es auffällig viele – erst recht heute, wo entlang eines suburbanen kommerziellen Strips zwischen Einkaufszentren und Autohäusern „Dutzende von Kirchen ihre religiöse Ware feilbieten“ (69). Seit der Revolution haben die Staatskirchen ihren privilegierten Status verloren. Es sind allerdings nicht laizistische Aufklärer wie in Frankreich, sondern die Geistlichen selbst, die die Bande von Kirche und Staat lösen. Freiheit heißt, dass jede:r nach eigener Façon selig werden kann. Vielfalt ist nicht gleich Toleranz. In der Mitte des 19. Jahrhundert stehen sich Katholiken und Evangelikale verfeindet gegenüber, antikatholische Verschwörungsnarrative werden sogar zu Parteiprogrammatik. Der eigentlich areligiöse Tocqueville kommt nicht umhin, die besondere Religiosität der USA zu preisen. Dort halte das Christentum – auch die katholische Kirche – nur wenig von äußeren Formen und Andachtsübungen.

Der Autor meint, dass es weniger auf eine bestimmte Form der Verfassung ankommt, sondern auf „Erzählungen und eine gemeinsame Ordnung von Rechten und Pflichten“ (311) Eine solche Erzählung kann sowohl funktionieren als auch an sich zerbrechen, wie nach Gassert die bipolare Nation dies seit 250 Jahren zeigt. Insgesamt bietet das gut lesbare Werk eine fundierte und differenzierte Analyse der USA und leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis moderner Gesellschaften. Das Buch erscheint rechtzeitig zum 250-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung 1776.

Thomas Eggensperger OP, Berlin