Thorsten Dietz / Maria Hinsenkamp, Christlicher Nationalismus in den USA, Verlag Mohr Siebeck Tübingen 2026, 227 S., € 24,–.
In einem kaum vorstellbaren Ausmaß waren bei den Trauerfeierlichkeiten für den im September 2025 ermordeten Mitbegründer von Turning Point USA, Charlie Kirk, weltliche Macht und christliche Religion verbunden. Dabei hatte sich die Säkularisierungsthese westlicher Gesellschaften so hartnäckig gehalten, dass nämlich der Rückgang des Religiösen unaufhaltsam sei. Was also könnte aktueller sein als dieser kleine, handliche Band zum christlichen Nationalismus in den Vereinigten Staaten.
Der erste Beitrag (Th. Dietz) des Bandes kartografiert die derzeitige Landschaft der christlichen Rechten und des christlichen Nationalismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen (insbesondere in neocalvinistischer und charismatischer Provenienz) und historischen Genesen und konstatiert, dass sich die verschiedenen Akteursnetzwerke in ihren Zielen keineswegs einig seien, sehr wohl aber in ihren gemeinsamen Feindbildern, was ausreiche, „um gemeinsam die Förderung eines autokratischen Gebrauchs der bisherigen Strukturen zu unterstützen“ (65). Dabei gehe es gerade nicht um die Errichtung einer Theokratie, denn die Trennung von Kirche und Staat ist in den USA bekanntermaßen deutlich radikaler umgesetzt und auch historisch verankert als beispielsweise in Deutschland. Wohl aber gehe es um das Aushöhlen der Differenz von Religion und Politik (70).
Im zweiten Beitrag (M. Hinsenkamp) wird die pentekostal-charismatische Schlagseite des christlichen Nationalismus beleuchtet. Während der frühere Evangelikalismus und Pentekostalismus von einer zutiefst pessimistischen Weltdeutung geprägt gewesen sei, seien die gegenwärtigen Bewegungen deutlich optimistischer und vertreten den Anspruch, die Welt mit all ihren Facetten durch eine herrschaftstheologische Praxis zu prägen (Seven Mountain Mandate), die jedoch „emotional anschlussfähig [und] ästhetisch zeitgemäß“ (79) erscheine. Das christliche Leben werde dabei primär als geistlicher Kampf verstanden, sodass kulturelle Konflikte geistlich gerahmt und in der Architektonik des Kampfes um Ordnung und Sinn gedeutet würden: „Probleme lassen sich folglich nicht in erster Linie sozial, politisch oder strukturell lösen, sondern müssen zuallererst geistlich bedacht werden“ (81). Es gelte in diesem geistlichen Kampf die kulturelle Vorherrschaft zurückzugewinnen. An die Stelle kirchlicher Institutionen treten flache, internationale Netzwerke, deren unterschiedliche Akteure eher durch Loyalität denn durch theologische Kohärenz verbunden seien und deren Führungsriege sich durch Performanz und Beziehungsgeflechte und nicht durch Amtsstrukturen legitimiere. Deren „Erfolg bemisst sich nicht an institutioneller Stabilität, sondern an Reichweite, Faszination und affektiver Bindung“, kurzum: Es handle sich um eine „spirituelle Oligarchie“ (91). Diese Netzwerke spielten für die erste Trump-Präsidentschaft eine zentrale Rolle, aber ihr Einfluss sei längst in Europa spürbar.
Dem dritten Beitrag (Manuel Schmid) liegt die These zugrunde, dass der Neocalvinismus, mit seiner Betonung der göttlichen Souveränität, der menschlichen Korrumpiertheit und göttlicher Ordnung (Big God Theology) mittlerweile große Teile des evangelikalen Mainstreams kontrolliere. Eine Erklärung liege in der Kraft dieses Gottesbildes, in dem Gott den Weltverlauf lückenlos vorherbestimme und damit Halt und Stabilität und letztlich Kontingenzbewältigung in einer als krisenhaft erfahrenen Welt ermögliche. Darüber hinaus wohne diesem Gottesbild eine ordnungspolitische Funktion inne, denn das „Bekenntnis zur uneingeschränkten Herrschaft Gottes legitimiert Autorität“ (138), unterwandert die Idee individueller Autonomie, begünstigt „Misstrauen gegenüber pluralistischen, offenen Gesellschaftsmodellen“ (144) sowie gegenüber säkularer, demokratisch legitimierter Herrschaft. Ähnlich wie bei den charismatischen Gruppen dominiere hier ein Bild von der „Kultur als Schlachtfeld“ (140), was zu einer Normalisierung aggressiver und antagonistischer Rhetorik gesamtgesellschaftlich beitrage.
Zwar tauchen immer wieder Bezüge zu charismatischen und evangelikalen Akteuren und Netzwerken in Deutschland auf, doch das letzte Kapitel (M. Fritz) fragt in Form eines Interviews gezielt nach dem Einfluss des christlichen Nationalismus auf den Evangelikalismus hierzulande. Dieser sei einerseits begrenzt, weil die kulturellen Eigenlogiken sehr verschieden seien, so sei es in den USA durchaus üblich, dass sich Politiker religiös positionieren und Politik in großen Teilen religiös begründet werde, was in Deutschland jedoch unvorstellbar sei. Einer der Gründe dafür sei die relativ späte Abkehr der Kirchen von autoritären und nationalistischen Grundüberzeugungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch gebe es seit Billy Graham enge Verbindungen zwischen US-amerikanischen evangelikalen Netzwerken und deutschen Akteuren und der christliche Nationalismus in den USA gewinne in Deutschland insbesondere durch Social Media und Christfluencer an Einfluss und verbinde sich zu einer „Coolness des Ultrakonservativismus“ (155). So gelangt Fritz schließlich zu der Definition: „Rechtes Christentum ist christlicher Konservativismus im Zustand der Kulturkampferhitzung“ (176). Die Dynamik des Kampfes sorge auch dafür, dass sehr unterschiedliche Akteure, die sich teilweise theologisch gegenüberstünden, doch zu einer „Kampfgemeinschaft“ (178) im Angesicht gemeinsamer Feindbilder zusammenfänden. Obwohl der Einfluss solcher Akteure im deutschsprachigen Raum noch sehr übersichtlich sei, beobachtet Fritz eine langsam zunehmende Instrumentalisierung des christlichen Nationalismus beispielsweise durch die AfD, die rechtschristliche Influencer als „Teil der ‚Mosaik-Rechten‘“ (186) begreifen und vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Feindbildes in politische Prozesse einzubinden versuche. Der öffentlichen Theologie rät Fritz in Anbetracht dieser Dynamiken, „mehr Toleranz für Konservative“ (194) zu entwickeln, um dadurch der allgemeinen Polarisierung entgegenzuwirken.
Die Lektüre dieses handlichen Buches ist kurzweilig, sehr erhellend, äußerst gewinnbringend und im selben Maße besorgniserregend. Der einzige Wermutstropfen: Als katholischer Leser, der nicht bloß die Auseinandersetzung der Trump-Administration und des US-Präsidenten mit Papst Leo XIV., sondern die Diskurse um den Neo-Integralismus und den ordo amoris verfolgt, vermisst man eine ausführliche Analyse des ebenfalls politisch äußerst einflussreichen rechtskatholischen Spektrums, um das Gesamtphänomen des christlichen Nationalismus in den USA angemessen zu verstehen.