STICHWORT

Etwas Neues am Horizont der Weltgeschichte – der 4. Juli 1776

Als die 13 nordamerikanischen Kolonien sich am 4. Juli 1776 für unabhängig vom Britischen Reich erklärten, war für viele europäische Beobachter, sofern sie sich für das vermeintlich wilde Land an der Westseite des Atlantiks überhaupt interessierten, nicht ganz erkennbar, was da eigentlich passierte.1 Es waren die letzten Jahre des „alten Fritz“, von Maria Theresia und Katharina der Großen. Die hatten gerade Polen-Litauen unter sich aufgeteilt und waren mit ihren eigenen Problemen und Kriegen beschäftigt. 1776 ging an Europa zwar nicht vorbei, war aber Randirritation. Erst allmählich zeichnete sich ab, dass in Nordamerika nach damaligen Begriffen etwas „Unmögliches“ Gestalt angenommen hatte: „Der Pöbel, der Mob, ‚the rabble‘ hatte Amerika nicht ins Chaos gestürzt, sondern […] eine neue Welt geschaffen, in der nicht nur der Aristokrat, sondern der einfache Mann Souverän war.“2

Eine Revolution von oben

Indes waren es keine „einfachen Männer“, die sich nach heftigen internen Querelen, nach drei Jahren eskalierender Proteste, ein Jahr nach dem Beginn der bewaffneten Rebellion im April 1775 sowie mehreren gescheiterten Vermittlungsversuchen, dazu durchrangen, die Bande zu England zu kappen.3 Denn die Vertreter der 13 Kolonien waren vermögende Großgrundbesitzer wie Thomas Jefferson aus Virginia, der den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung verfasste, oder Kaufleute und Advokaten wie John Adams aus Massachusetts, der spätere zweite Präsident der USA. Sie wehrten sich gegen Krone und Parlament, das ihnen Steuern und Militärlasten auferlegte. London wollte nach dem ruinösen French and Indian War (1756–1763) das Imperium reformieren, Kriegslasten teilen und Konflikte mit den Indianern reduzieren. Das empörte reiche Landspekulanten wie arme Grenzbauern. Die Rebellen beharrten auf ihren „englischen Rechten“ und Privilegien.4

Am Ende hielt sich diese zappelnde, ungefestigte Republik mit Mühe und Not. Die Rebellen hatten verdammtes Glück. Denn in Gestalt der französischen Monarchie sprang ihnen ein großer Freund zur Hilfe, der ohne ideologische Scheuklappen handfeste geopolitische Ziele verfolgte und dem britischen Erzfeind liebend gern schadete. London warf das Handtuch, als auch Spanien und die Niederlande in den Krieg eingriffen und dem Weltreich an allen Ecken Ungemach drohte. Glück hatten sie, die Rebellen, dass die britische Regierung 1782 kriegsmüde wurde und zu Schadensbegrenzung wechselte. Das Territorium der 13 Kolonien wäre unregierbar gewesen, die Kosten einer potenziellen Besatzung sehr hoch. Im Frieden von Paris 1783 wurde die staatsrechtliche Unabhängigkeit der 13 Kolonien anerkannt. Da nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, wurde nach ein bis zwei Generationen der 4. Juli zum patriotischen Paukenschlag und welthistorischen Freiheitsfanal umgedeutet.5

Erstmals seit der Antike war eine große Flächenrepublik entstanden, die dank ihrer isolierten Lage nicht an inneren Widersprüchen oder äußeren Interventionen kollabierte. Dieser erste postkoloniale Staat der Welt vermied auch den Weg zur bonapartistischen Diktatur, den ein Jahrzehnt später das revolutionäre Frankreich gehen sollte und 1804/05 die karibische Schwesterrepublik Haiti. Zugleich hatte diese junge Republik mit riesigen Problemen zu kämpfen und ächzte unter einer gewaltigen Schuldenlast. Daher kam es 1787–1791 zu einem verfassungsrechtlichen Neustart mit der bis heute gültigen Constitution. Ein gescheiterter Staatenbund wurde durch einen anfangs recht losen Föderalstaat ersetzt. Der stand schon 1812 auf der Kippe, als die USA sich Kanada einverleiben wollten und die Briten die Hauptstadt Washington zerstörten. 1861 zerbarst die Union über die Sklavenfrage, nach dem blutigen Bürgerkrieg wurde sie 1865–1877 in schmutzigen Kompromissen wieder zusammengekittet.

Die Dialektik der Freiheit

Ungeachtet der konfliktreichen Anfänge lässt sich retrospektiv sagen, dass 1776 eine Dynamik einsetzte, die im frühen 19. Jahrhundert zu sozialer Mobilisierung führte, im Kontext eines großen „religiösen Erwachens“. Noch vor der Politik demokratisierte sich der Glauben. Europäische Beobachter wie der französische Graf Alexis de Tocqueville sprachen in den 1830er Jahren von der „Gleichheit der Bedingungen“ als dem Charakteristikum der US-Gesellschaft. Der Begriff Demokratie wurde nun affirmativ und nicht mehr als Synonym für Pöbelherrschaft verwendet. Dass die vermögenden Gründerväter der Republik so ganz andere Pläne gehabt haben könnten, ist in der historischen Forschung immer wieder hervorgekehrt worden. Als um 1900 angesichts wachsender Ungleichheit Agrarpopulisten und Arbeiter sich gegen gierige, „vergoldete“ Kapitalisten wehrten, wurden der Verlauf der Revolution und vor allem die Verfassungsgebung von 1787 als korrupter Betrug der Eliten an den Idealen von 1776 skandalisiert.

Geschichte verläuft dialektisch. Der gebotene skeptische Rückblick auf 1776 und 1787, der auch heute wieder angesagt ist, unterschätzt wie neu in einer Welt der Monarchien eine derartige Republik gewesen ist und dass die Werte von 1776 spätere Ansprüche begründeten. Es brauchte, bis das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“, universal gedeutet werden konnte. So wurde über die Jahrzehnte aus einer Anzahl hinterwäldlerischer Provinzen ein Zentralort der Freiheit, über den Europa nicht mehr hinwegsehen konnte, „im Guten wie im Schlechten“. Thomas Pownall, Amerika-Freund, Unterhausabgeordneter und ehemaliger Gouverneur von Massachusetts, las nach dem Frieden 1783 seinen ignoranten Landsleuten die Leviten. Man habe Amerika komplett missverstanden: „Freiheit“ (liberty) dort sei nicht der Batzen eines Privilegs wie in Europa, sondern das geborene Recht jedes Einzelnen: „The genuine Liberty on which America is founded is totally and intirely a New System of Things and Men.”6

Ein neues System von Dingen und Menschen

„Freiheit“ als neues System, das teilten die Revolutionäre doch zu gerne. Sie verbreiteten mit lauter Fanfare, sie hätten ein neues Zeitalter eingeläutet, einen novus ordo seclorum geschaffen, wie es im großen Siegel der USA 1782 eingraviert wurde und auf jeder Dollarnote steht. Die missionarisch überhöhte Vorstellung, mit der Revolution habe die Welt in einer Art säkularisiertem Osterfest neu begonnen, hallte durch die Dezennien weiter und wurde im 19. Jahrhundert zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Als der Vater der deutschen Historiographie, Leopold von Ranke, 1854 König Max von Bayern weltgeschichtliche Vorlesungen hielt, da fasst er Amerikas Bedeutung in den Satz, nun sei die Theorie aufgekommen, „die Nation müsse sich selbst regieren“. Dies so Ranke, „war eine größere Revolution, als früher je eine in der Welt gewesen war, es war eine völlige Umkehrung des Prinzips.“7

Leider geht jeglicher Kampf um bessere Welten mit allerhand Risiken und Nebenwirkungen einher. Denn wer davon spricht, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“, aber damit nur besitzende, gebildete und vor allem weiße Männer meint, dem wird Doppelmoral vorgehalten, wenn die Vorstellungen von Gleichheit sich ändern. Jefferson ist das Paradebeispiel hierfür. Von ihm stammte die klassische Zeile, dass es eine „selbstverständliche Wahrheit“ sei, dass Menschen „unveräußerliche Rechte“ besitzen und gleich geboren sind. Doch er besaß Hunderte von Sklaven. Er lebte im Konkubinat mit der Sklavin Sally Hemings, der Halbschwester seiner legitimen Gattin. Er gründete eine zweite, schwarze und versklavte Familie. Er war engagierter Förderer der Künste, der Wissenschaft, der Religionsfreiheit. Auch dafür benötigte er sein teils ererbtes, teils erarbeitetes, in allen Teilen auf Sklaverei aufgebautes Vermögen. Der „Weise von Monticello“ litt unter der Scheinheiligkeit, aber öffentlich blieb er schon aus privaten Gründen stumm.8

Frauen und Sklaven in die Gleichheitsversprechen einzubeziehen, lag in der revolutionären Situation des ausgehenden 18. Jahrhunderts am Rande der Vorstellungskraft. Nicht, dass es gar nicht ausgesprochen und gefordert worden wäre: Abigail Adams, die Gattin von John Adams, die als Mädchen darunter gelitten hatte, dass ihr eine formale Ausbildung versagt worden war, erinnerte ihren Mann, der als Delegierter des revolutionären Kontinentalkongresses in Philadelphia weilte, höflich aber bestimmt daran, dass die geplante Loslösung von England doch die Chance böte, Gesetze zu erlassen, die die unbeschränkte Macht der Männer über die Frauen begrenze: „Alle Männer wären Tyrannen, wenn sie könnten“. Gehe man aber nicht auf die Rechte der Frauen ein, würden diese ihrerseits „eines Tages eine Rebellion ins Leben“ rufen. Gesetze, „bei denen wir keine Repräsentation und keine Mitbestimmung haben“, bänden sie nicht.9

Ein globales Freiheitssignal

Für deutsche und europäische Radikale der Zeit war erkennbar, dass es sich bei den USA um ein „historisches Novum“ handelte, trotz der zunächst äußerst dünnen Faktenlage über die Ereignisse in Nordamerika. Revolution, Unabhängigkeit 1776 und patriotischer Kampf strahlen auf das vorrevolutionäre, spätabsolutistisch erstarrte Europa aus. Freiheitlich orientierte Deutsche schöpften aus dem Kampf der Kolonien Hoffnung.10 Schriftsteller und Agitatoren, die sich aus deutscher Kleinstaaterei und Unfreiheit freikämpfen wollten, waren begeistert. Unter ihnen war der schwäbische Dichter, Komponist, Publizist und scharfzüngige Kritiker des Absolutismus, Christian Friedrich Daniel Schubart, der aufgrund seiner langjährigen Inhaftierung auf dem Hohenasperg als ein Märtyrer der Freiheit gilt.11 Gleich 1775 veröffentlichte er das Freyheitslied eines Kolonisten. „Schwimmt her! Hier wohnt die Freiheit hier“, rief er als fiktionaler Kolonist Deutschlands Oppositionellen zu.12

In Schubarts Freyheitslied geht es um die Schlacht von Bunker Hill während der Belagerung des britisch besetzten Bostons durch die Rebellen am 17. Juni 1775. Schon zuvor waren in der unruhigen Hafenstadt Kolonisten und Rotröcke aufeinandergestoßen, im Boston Massacre 1770 oder der berühmten Tea Party drei Jahre später. Bunker Hill wurde zum ersten Akt der Revolution, weil der englische König Georg III. kurz danach den Aufstand förmlich zur Rebellion erklärte. Damit war aus Sicht der Mehrheit der kolonialen Elite ein Kompromiss faktisch verbaut. Zwar eroberten die Briten die der Schlacht ihren Namen gebende Anhöhe, doch unter enormen Verlusten. Der Pyrrhussieg der Briten galt als Beweis der Tapferkeit der Patrioten. Schubart hatte erstaunlich schnell reagiert. Sein revolutionäres Lied wurde schon am 10. August 1775 veröffentlicht, zwei Monate nach der Schlacht. Er schrieb es wie im Rausch nieder, kaum dass ihn die Nachricht erreicht hatte.13

Amerika wurde zum offenen Gefäß, in das geneigte Europäer und Deutsche ihre Hoffnungen und Befürchtungen packten und bis heute packen. Wunschbilder wurden und werden auf die USA projiziert. Als eine von Jefferson verfasste Toleranzerklärung vom House of Burgesses in Virgina 1786 verabschiedet wurde, wurde diese zwei Jahre später in einer aufklärerischen Berliner Zeitung übersetzt abgedruckt, um gegen die restriktive preußische Religionspolitik zu agitieren.14 Britische Oppositionelle wiederum sagten sich, dass ihre Ideen die Revolution inspiriert hätten. Thomas Paine war ein englischer Radikaler, der zuhause in Schwierigkeiten geriet und auf Einladung von Benjamin Franklin nach Philadelphia floh. Sein Traktat Common Sense (1776) wurde zum Renner. Es schmeichelte, dass Paine behauptete, England sei der Hort der Korruption und Amerika das Land der Tugend. Deshalb werde die Rebellion naturnotwendig siegen. 1789 stürzte sich Paine in das Abenteuer der Französischen Revolution. Auch dort war er als Prophet einer neuen Welt sehr willkommen.15

Der Splitter im Auge der Revolution ist die Sklaverei

Nachgeborene, allzumal sich als progressiv verstehende Europäer wie auch Amerikaner und Amerikanerinnen empören sich hingebungsvoll über den eklatanten Grundwiderspruch der amerikanischen Freiheit: Einerseits wurde feierlich verkündet, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind.“ Andererseits wurde die erbliche Unfreiheit von Schwarzen selbstverständlich akzeptiert und 1787 notdürftig kaschiert in der Verfassung kodifiziert. Englands führender Intellektueller, Dr. Samuel Johnson, hatte schon 1775 spitz gefragt: Wie könne es sein, dass man das „lauteste Gekläffe nach Freiheit“ von Sklaventreibern höre? Für den reformgesinnten Liberalen waren die nordamerikanischen Kolonisten unaufrichtige Heuchler, die überdies die Regeln des englischen Parlamentarismus missachteten.16

Aber wird nicht umgekehrt ein Schuh daraus? War es nicht genau diese, in den Kolonien so real existierende Sklaverei, die die Freiheitsrhetorik motivierte? Zwar war die Verteidigung der Sklaverei nicht das zentrale Motiv der Revolution, wie postkoloniale Ansätze behaupten. Denn entgegen einer böswilligen Unterstellung der Rebellen zielte London keineswegs auf die Abschaffung der Sklaverei ab. Man hätte sonst sofort die britische Kaufmannselite gegen sich gehabt. Vielmehr war es das intime und sehr alltägliche Wissen der Kolonisten um die brutale Realität versklavter Leben, das weiße Männer für Freiheit brennen ließ. Slavery war der herkömmliche Gegenpol zu liberty. Beides war eng aufeinander bezogen. Ohne Ironie wurde Amerika zum Land der Freiheit stilisiert, das England versklaven wollte.17

Als der Kontinentalkongress 1776 über die Unabhängigkeitserklärung debattierte, wurde der heikle Punkt der Sklaverei behutsam ausgeklammert. Jefferson hatte in einem ersten Entwurf dem Sündenregister des Königs auch den kapriziösen Vorwurf hinzugefügt, der Monarch habe den Kolonien den Sklavenhandel aufgezwungen und die Sklaven zu Aufständen animiert. Er habe einen Krieg „gegen die menschliche Natur“ angezettelt, indem er Mitglieder „eines weit entfernt lebenden Volkes, das ihm niemals etwas zu Leide getan habe,“ in die Sklaverei verschleppte. Während John Adams und andere abolitionistisch gesinnte Vertreter applaudierten, hielten es Südstaatendelegierte für eine ziemlich dämliche Idee, die Sklaverei so anzuprangern. Die grausame Wahrheit wurde durch die nebulöse Formel ersetzt, der König habe „Aufstände unter uns“ angezettelt.18

Die Sprache der Freiheit wirkte

Die propagandistischen Erklärungen von 1776 wirkten nicht sofort und nicht für alle. Die Formel vom Recht auf „Leben, Freiheit und Glück“ kaschierte für viele sehr lange Jahrzehnte und Jahrhunderte, letztlich bis in die 1960er Jahre, eine reale, legale, brutale Unterdrückung. Liberty pinselte unelegant über Sollbruchstellen hinweg. Aber das Gleichheitsversprechen blieb, schlägt man den Bogen lang genug, nicht ohne Folgen. Die Sklaverei war in den Nordstaaten schon 1804 abgeschafft und um 1810 waren 75 % der Schwarzen im Norden de jure frei. „Was bedeutet der 4. Juli für den Sklaven?“ fragte der Bürgerrechtskämpfer und ehemalige Sklave Frederick Douglass in einer berühmten Rede vor einer Gruppe abolitionistischer Frauen 1852. Noble Prinzipien hätten die Gründerväter aufgeschrieben. Aber für die Sklaven wären die Feierlichkeiten zum 4. Juli ein unerträglicher Betrug, Ausdruck von Falschheit, Lüge, Scheinheiligkeit: „ein dünner Vorhang“, schlimmste Verbrechen verdeckend.19

Eine Maschine wurde angeworfen, die die liberale Werteordnung der Moderne schuf. So lässt es sich aus heutiger Sicht sagen. Das gilt auch für Frauenrechte, denn 1848 einigten sich auf einer Versammlung in Seneca Falls im Staat New York führende Frauenrechtlerinnen auf eine Declaration of Sentiments, die die Unabhängigkeitserklärung direkt kopierte. Als die UNO-Vollversammlung 1948 durch ihre „Allgemeine Erklärung“ die Menschenrechte zur universalen Norm erklärte, obwohl Europas Kolonialreiche noch existierten und Ungleichheiten legalisierten, da stand auch dieser Text letztlich in der rhetorischen und ideengeschichtlichen Tradition von 1776. Wenn große Teile der kolonialen Elite 1776 unter „alle Menschen“ nicht wirklich alle Menschen verstanden, dann wirkt das auf uns als unheimlicher Fakt. Es ist aber kein Grund, sich kritisch allein an den USA abzuarbeiten. Denn das Europa um 1800 sah den Balken im Auge seiner eigenen Freiheitsrhetorik nicht.

Als die französische Nationalversammlung ihre Erklärung der Bürger- und Menschenrechte verabschiedete, da wurde auch dort die Sklaverei bewusst nicht verurteilt, sondern mit dem Eigentumsrecht legitimiert. Die im Parlament vertretene französische koloniale Elite wusste zu verhindern, was Gegner des Sklavenhandels zu gerne gesehen hätten. Jefferson, der zu der Zeit die USA als Gesandter in Paris vertrat, hatte an der Formulierung dieses zweiten großen Fundamentaldokuments der Menschenrechtsgeschichte mitgewirkt. 1794 schafften die Jakobiner die Sklaverei dann ab, doch 1802 wurde sie von Napoleon wieder eingeführt. Kurz vor Waterloo 1815 untersagte der Kaiser den Sklavenhandel. Zu spät. Es brauchte eine weitere Revolution, bis 1848 die Sklaverei im französischen Reich endgültig verboten wurde. Andere Europäer ließen sich mehr Zeit: Holland bis in die 1860er Jahre, wobei in Teilen Niederländisch-Ostindiens (Indonesien) die Sklaverei bis 1910 legal fortbestand. De facto existiert sie in Teilen der Welt bis heute.

Unabhängigkeitserklärung 1776 und Verfassung 1787 sind trotz peinlicher Blindstellen „im Schlechten“ Ausgangspunkte einer modernen demokratischen Weltgeschichte „im Guten“. Sie stellen wichtige Referenzpunkte der Menschenrechtsgeschichte bis heute dar. Die Rebellen hätten es dabei belassen können, der britischen Reichsregierung zahlreiche Vertragsverletzungen vorzuwerfen. Das wäre frühneuzeitliches Normalmaß gewesen. Aber sie stellten es als ihr „natürliches und göttliches Recht“ dar, sich vom Empire loszusagen. Sie gaben ihrem Schritt in die Unabhängigkeit eine universalistische, auf Rechten basierende, in heutiger Terminologie liberale Begründung. Es sei „selbstverständliche Wahrheit“, dass alle Menschen nicht nur gleich, sondern vom Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten (unalienable rights) ausgestattet sind. Darunter Life, Liberty, and the pursuit of Happiness, übersetzt: Die Erhaltung des Lebens, Freiheitsrechte und das „Streben nach Glück“. Das bleibt auch nach 250 Jahren eine inspirierende Formel.

Fußnoten

01 Der Text beruht auf Ph. Gassert, Die bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten, München 2026.

02 H. Wellenreuther, Von Chaos und Krieg zu Ordnung und Frieden. Der amerikanischen Revolution erster Teil, 1775–1783, Berlin 2006, 9.

03 Vgl. H. Kümper, Mythos 1776. Traum und Erwachen der amerikanischen Nation, Berlin 2026, 127–139.

04 Zur komplizierten Motivlage vgl. M. Hochgeschwender, Die Amerikanische Revolution. Geburt einer Nation 1763–1815, München 2016; Ch. Lerg, Die Amerikanische Revolution, Tübingen 22022.

05 Vgl. M. D. Hattem, The Memory of ’76. The Revolution in American History, New Haven 2024.

06 Zit. nach M. Kraus, America and the Utopian Ideal in the Eighteenth Century, The Mississippi Valley Historical Review, Vol. 22, No. 4 (Mar. 1936), 487–504, hier 498.

07 L. von Ranke, Über die Epochen der neueren Geschichte [1854], Darmstadt 1954, 151.

08 Vgl. C. Rogers Stevens, Thomas Jefferson and the Fight Against Slavery, Lawrence 2024.

09 B. Waldschmidt-Nelson, Engagierte Zeugin der Revolution. Abigail Adams, 1744–1818, in: Ph. Gassert / Ch. Mauch (Hrsg.), Mrs. President. Von Martha Washington bis Hillary Clinton, Stuttgart 2000, 42–53, hier 46.

10 Vgl. H. Dippel, Germany and the American Revolution 1770–1800. A Sociohistorical Investigation of Late Eighteenth-century Political Thinking, Wiesbaden 1978, 40.

11 Vgl. Schubart-Gesellschaft, „Vom Mann zum Symbol: Der Häftling Schubart“ https://www.schubart-gesellschaft.de/geislinger-schubartpfad/vom-mann-zum-symbol-der-haeftling-schubart/ [Aufruf: 14.07.2026].

12 L. Ludescher, Die Amerikanische Revolution und ihre deutsche Rezeption. Studien und Quellen zum Amerikabild in der deutschsprachigen Literatur des 18. Jahrhunderts, Boston 2020, 25ff.

13 Vgl. U. Wertheim / H. Böhm, Einleitung, in: Ch. F. Daniel Schubarth: Werke, in einem Band, Berlin – Weimar 1988, XVI.

14 Vgl. V. Depkat, Amerikabilder in politischen Diskursen. Deutsche Zeitschriften von 1789 bis 1830, Stuttgart 1998, 245.

15 Vgl. M. Lockwood, To Begin the World Over Again. How the American Revolution Devastated the Globe, New Haven 2019, 50.

16 “How is it that we hear the loudest yelps for liberty among the drivers of negroes?”, B. Carey, Slavery and Abolition, in: J. Lynch (Ed.), Samuel Johnson in Context, Cambridge 2012, 352–359, hier 356.

17 Vgl. E. Foner, The Story of American Freedom, New York 1988, 29.

18 Deutsche Fassung des Entwurfs von Jefferson zitiert nach J. Lepore, Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, München 2018, 139.

19 F. Douglass, What to the Slave is the Fourth of July, 5. Juli 1852, https://teachingamericanhistory.org/document/what-to-the-slave-is-the-fourth-of-july-2/ [Aufruf: 14.07.2026].

Der Autor

Dr. Philipp Gassert (philipp.gassert@uni-mannheim.de), geb. 1965 in Wertheim/Main. Prof. für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Anschrift: Universität Mannheim, Historisches Institut, Lehrstuhl für Zeitgeschichte, 68131 Mannheim. Veröffentlichung u. a.: Die bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten, München 2026.