Markus Gabriel, Moralische Tatsachen. Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können, Verlag C.H. Beck München 2025, € 36,–.

M. Gabriels Studie ist der Versuch, die Objektivität moralischer Urteile gegen Relativismus und Skeptizismus zu verteidigen. Im Zentrum des Buches findet sich die These, dass es moralische Tatsachen tatsächlich gibt – und dass diese unabhängig von individuellen Meinungen, kulturellen Konventionen oder historischen Umständen bestehen. Sie sind „Zielsystem der Ethik“ (57). Die Handlungswirklichkeit ist von einer Vielzahl implizit anerkannter moralischer Tatsachen geprägt, die wesentlich zum Überleben beitragen: „Wir sind auf Liebe, Zuwendung, Kooperation, Zusammenhalt, Freundschaft, Vertrauen, Respekt und unzählige andere positive moralische Werte angewiesen, die allesamt Konkretionen des Guten sind.“ (127) Gabriel wendet sich damit gegen Auffassungen, die Moral als bloß subjektiv oder sozial konstruiert betrachten.

Der Autor zeigt desweiteren auf, dass der von ihm so verstandene moralische Realismus das historische Sein menschlicher Werturteile mit dem überzeitlichen Sein moralischer Tatsachen verbindet und zusammenführt. Das Schlusskapitel setzt sich ausführlich mit den Folgen des Konzepts auseinander und fordert eine „Politik für eine moralische Wirklichkeit“ (293 ff.), die er eingebettet sieht in die von ihm so genannte „Neuen Aufklärung“, verstanden als Vielzahl von recht unterschiedlichen Ansätzen, die weltweit vor allem seit der Finanzkrise (2008) und dem 9/11-Anschlag entstanden sind.

„Die moralischen Tatsachen und die moralische Wirklichkeit, die aus ihnen besteht, sind nämlich keine Autoritäten, sondern sanfte Mächte, die uns das Gute zeigen, damit aber auch das Böse zulassen, ohne es freilich zu wollen oder auf irgendeine andere Weise zu befördern. Freiheit ist und bleibt der Hauptbegriff jeder Ethikodizee: Das Gute bedarf des Bösen nicht, um zu sein.“ (385)

Das gut lesbare Buch des Philosophen Gabriel stellt eine kluge und spannende Grundlage für weiterführende Debatten und Reflexionen dar.

Thomas Eggensperger OP, Berlin