Markus Gabriel, Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann, Verlag Ullstein Berlin 2026, 190 S., € 22,99.

M. Gabriel, Professor für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn, beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit dem Themenfeld der ethischen Intelligenz. Das vorliegende Buch erhebt nicht den Anspruch hoher Wissenschaftlichkeit, sondern möchte zum einen in die Thematik der KI einführen und zum anderen auf die ethische Relevanz der (gar nicht mehr so neuen) Technik verweisen. Es stellt sich die Frage, wie man auf dieser Grundlage eine neue, aufgeklärte Ethik entwickeln kann. Dies skizziert der Autor in zwei Teilen.

Der erste Teil des Buches trägt den Titel „Auf dem Weg zur emotionalen Wende – Wie aus KI Gefühl wurde“ (13 – 104). Gabriel beschreibt die Geschichte der künstlichen Intelligenz und die allfälligen Fachausdrücke in einer Weise, dass das Sujet vor allem für Nichteingeweihte gut verständlich ist. Im Gegensatz zu anderen Autoren, die sich dem Thema mit ethischem Schwerpunkt annähern, verzichtet Gabriel auf den moralisch erhobenen Zeigefinger. Dies erklärt er bereits in seiner Einleitung: „Die zentrale Frage lautet nicht mehr, was die KI vermag. Die Antwort ist bekannt: KI wird früher oder später alles besser, schneller und effizienter erledigen, was sich digitalisieren lässt. Damit aber stehen wir vor einer anderen, herausfordernden Frage: Was müssen wir Menschen werden, um im Resonanzumfeld der KI zu bestehen?“ (11). Die KI ist nicht bloßes Denken oder Rechnen bzw. Kontrolle, sondern Beziehung, Resonanz und Koexistenz. Unsere Gesellschaft befindet sich bereits in einem „postfaktischen Zeitalter“ (Gabriel verweist hier auf den Wortlaut einer Rede von Angela Merkel bereits im Jahr 2016), das sich weniger von Argumenten und Gründen leiten lässt, sondern von Gefühlen und Meinungen. „Die KI bewegt somit nicht nur unsere Vernunft und entlastet unsere Körper, indem wir ihre Arbeit an Roboter delegieren. Die KI hat vielmehr längst begonnen, unsere Gefühle zu berühren und unsere Psyche zu bewegen.“ (50) Das hat fatale Konsequenzen. Das einseitige rationalistische Weltbild „kollabiert“ (ebd.) aufgrund seines größten Erfolgs, intelligente Maschinen herzustellen, die es verstehen, menschliche Gefühle zu lesen. Gabriel bezeichnet das als die „emotionale Wende der KI“ (ebd.), die menschliche Gefühle ergründen und schließlich sogar optimieren kann.

Im zweiten Teil seines Buches diskutiert der Autor „Die Zukunft der Ethischen Intelligenz – Was KI jetzt von uns verlangt“ (105 – 162). Hier legt Gabriel den Schwerpunkt auf die Folgen für die ethische Debatte. Wenn die KI im Nucleus menschlichen Selbst- und Wirklichkeitsverhältnisses angekommen ist, kann Ethik dies nicht mehr einfach von außen regulieren, sondern ist gehalten, selbst als „Praxis der Interaktion“ (105) aufzutreten. Diese Herausforderung ist für die Ethik durchaus ungewohnt. In einer ersten Phase der KI-Ethik dominierte die Angst vor der Übermacht der Maschine („Terminator-Ethik“, 111) mit der damit verbundenen Sorge, dass KI-Systeme sich verselbstständigen und ggfs. sogar soziale Werte unterlaufen. Die zweite Phase sieht der Autor in der Verlagerung der Debatte auf die realen gesellschaftlichen und ökologischen Folgen des KI-Einsatzes. Ethik konzentrierte sich in ihrer Anwendung auf Kontrolle, Sicherheit und Risikoabwägung. Mit dem praktischen Einsatz von ChatGPT – einer KI, die sprechen kann – ist sie kein Werkzeug mehr, sondern Teil der sozialen Grammatik. Gabriel nennt diese aktuelle Phase die der „Ethischen Intelligenz“. „Sie erkennt, dass KI-Systeme nicht reguliert werden können, sondern kultiviert werden müssen. Denn sie sind inzwischen Teil unserer moralischen Ökologie, indem sie auf unser Verhalten reagieren, aus unseren Entscheidungen lernen und vor allem unsere Emotionen spiegeln […] – als ko-evolutionärer Dialog zwischen Mensch und Maschine, in dem die Maschine menschliche und der Mensch maschinelle Züge annimmt und ausführt.“ (115) Im Weiteren führt Gabriel sehr unterschiedliche Beispiele auf, wie die KI früher oder später sinnvoll genutzt werden kann. Systeme müssen nicht unabdingbar den Menschen beherrschen, sondern sie führen dazu, ruhiger und aufmerksamer zu denken, d. h. die Fähigkeit zu entwickeln, zuzuhören und loszulassen. Der Bildungssektor wird ein wichtiger Markt der Zukunft sein, denn die KI braucht permanenten Datenzufluss, die aber nicht nur aus der KI selbst kommen kann. Dazu bedarf es der Fütterung der Maschinen mit Werten, aber auch mit Pflichten. Dann ist KI kein Gegensatz zur Ethik, sondern ihr Medium im digitalen Zeitalter.

Dem Rezensenten hat die Lektüre des Buches sehr geholfen, die Geschichte und die Funktionsweise der KI zu verstehen sowie die produktiven Folgen für die Ethik (und mittelbar für die Theologie) vermittelt zu bekommen. Das Buch ist eine gute Grundlage für eine Debatte, die erst an ihrem Anfang steht.

Thomas Eggensperger OP, Berlin