Kuno Füssel/Julia Lis/Michael Ramminger (Hrsg.), „Warum die Theologie nicht klein und hässlich sein muss“. Politisch-theologische Anfragen an die Zeitenwende und Rückfragen aus unserem messianischen Erbe, Münster: Edition ITP-Kompass 2024, 266 S., € 19,80.
Der Titel des Buches greift auf eine Bemerkung von Walter Benjamin zurück, in der er die Theologie als „klein und häßlich“ bezeichnet hat, so dass sie sich nicht blicken lassen dürfe. Auch heute ist die Theologie vielfacher Kritik ausgesetzt – bis dahin, dass z. B. ihr Status an der Universität angefochten wird. Sie steht somit vor der Herausforderung, den Nachweis zu erbringen, dass sie über ein argumentatives und performatives Potenzial verfügt, das mit Blick auf den aktuellen Zustand der Welt wahrgenommen zu werden verdient. Doch worin besteht dieses?
Dieser Frage im Gespräch mit Vertretern und Vertreterinnen von Sozial- und Geisteswissenschaften nachzugehen und zu ihr Position zu beziehen, ist das Anliegen dieses Buches. Es dokumentiert die Beiträge, die auf der Tagung im Jahr 2023 aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Instituts für Theologie und Politik stattgefunden hat. Als von Universität und Kirche unabhängige Einrichtung versteht dieses sich als einn Ort freien theologischen Reflektierens und Experimentierens – und zwar auf der Linie der Neuen Politischen Theologie und der Befreiungstheologie und somit in kritischer Zeitgenossenschaft angesichts der Krisen und Katastrophen der Gegenwart. Die Aufgabe der so verstandenen Theologie lässt sich in Anknüpfung an die von Johann Baptist Metz vorgenommene Definition von Religion als „Unterbrechung“ charakterisieren – Unterbrechung in dem Sinne, dass das Theologietreiben sich sowohl in den wissenschaftlichen Diskurs als auch in die öffentliche Debatte mit Fragen einmischt, und zwar mit Fragen grundsätzlicher Art, denen weithin zugunsten eines oberflächlich-pragmatisch ausgerichteten Denkens und Handelns ausgewichen wird – Fragen nach der conditio humana, der Zeit und Geschichte, nach Gott u. a. m., Fragen also, die aus dem Erbe der Theologie herrühren und sich als höchst aktuell erweisen. Das erkenntnisleitende Interesse zielt darauf, dass und wie angesichts ihres in vielerlei Hinsicht desaströsen Zustands die Option auf die Schaffung und Gestaltung einer für alle Menschen und alle sonstigen Geschöpfe bewohnbaren Welt theoretisch und praktisch verfolgt und umgesetzt werden kann.
In dem Buch ist das anschaulich auf die Weise operationalisiert worden, dass in sechs Blöcken Kategorien, die für diesen theologischen Ansatz zentral sind, erörtert werden: Katastrophismus und Apokalyptik, Transzendenz und Immanenz, narrative versus instrumentelle Vernunft, Mensch- und Subjektwerdung (mit feministischem Schwerpunkt), universale Solidarität und die Suche nach Orten eines solchen kritischen Theologietreibens. Dabei stehen jeweils theologische und nicht-theologische Beiträge nebeneinander und beziehen sich aufeinander. Darin liegt ein besonderer Reiz dieses insgesamt bemerkenswerten Unterfangens.