STICHWORT
Mut als Tugend
Eine Begriffserkundung zwischen Angst, Klugheit und Zuversicht
In gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Diskursen wird der Begriff des Mutes zunehmend als normative Kategorie verwendet. So betonte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache am 25.12.2025, es bedürfe des Mutes, „immer wieder neu anzufangen. Für die großen Dinge, die wir uns als Gesellschaft vornehmen – und für die kleinen Dinge, bei denen jede und jeder von uns sein Bestes gibt – für ein gutes Zusammenleben von uns allen.“1 Mut erscheint hier nicht als heroische Ausnahmeleistung individuellen Handelns, sondern als gesellschaftlich relevante Kraft, die gemeinwohlorientierte Handlungsfähigkeit angesichts von Widrigkeiten ermöglicht.
Mut: Eine gesellschaftlich relevante Kategorie
Diese Zuschreibung verweist auf ein Mutverständnis, das über bloße Furchtlosigkeit hinausgeht und eine ethische Implikation besitzt. In der theologisch-philosophischen Tradition wird Mut daher nicht als isolierte Eigenschaft verstanden, sondern als relationale Tugend, die in Korrelation mit anderen Haltungen steht. Begrifflichkeiten wie Angst, Leichtsinn, Hochmut, Freimut, aber auch Übermut oder Sanftmut markieren Grenz- und Korrektivpunkte, an denen sich entscheidet, ob Mut seine tugendhafte Mitte wahrt oder verfehlt. Auch semantische Ableitungen wie Zumutung oder Mutmaßung deuten an, dass Mut stets mit Risiko, Abwägung und Entscheidung verbunden ist.
Der folgende Beitrag geht der Frage nach, wie Mut als Tugend zwischen Angst, Klugheit und moralischer Zielgerichtetheit zu bestimmen ist. Dabei wird Mut zunächst in seiner formalen Struktur analysiert, bevor seine normative Qualität und seine moralische Ambivalenz in den Blick genommen werden.
Mut und Angst: anthropologische Grundstruktur
Mut setzt die Erfahrung von Angst2 voraus. Angst ist hierbei eine Grundbefindlichkeit menschlichen, d. h. kontingenten Lebens.3 Sie stellt keinen moralischen Defekt dar, sondern bildet vielmehr den existenziellen Horizont, innerhalb dessen sich verantwortliches Handeln, insbesondere mutiges Handeln, erst bewähren kann. Wo keine Bedrohung und kein als relevant wahrgenommenes Risiko bestehen, kann sinnvollerweise nicht von Mut gesprochen werden. Angst ist daher nicht das Gegenteil, sondern eine notwendige Bedingung des Mutes. Entscheidend ist, wie der Mensch sich zu dieser Angst verhält. Der biblische Kanon gibt hiervon in vielfältiger Weise Zeugnis, indem er zugleich zur Standhaftigkeit in Glaubens- und Gewissenstreue mahnt und dazu ermutigt, sich angesichts der Furcht der tröstenden Gegenwart Gottes anzuvertrauen.4 Mut ist hierbei keine generalisierte Persönlichkeitseigenschaft, die sich bereichsübergreifend in gleicher Weise manifestiert. Vielmehr zeigt sich mutiges Verhalten kontextabhängig: Wer etwa bereit ist, erhebliche finanzielle Risiken einzugehen, ist nicht notwendigerweise mutig in körperlich gefährlichen Situationen wie dem Skydiving. Ebenso impliziert die Rettung eines Menschen aus lebensbedrohlicher Lage nicht zwangsläufig eine erhöhte Bereitschaft, spekulative Risiken an den Finanz- und Börsenmärkten einzugehen.
Der Psychologe und Wagnisforscher Warwitz versteht Mut als eine einzuübende Geisteshaltung und Charakterdisposition, die für personale Entwicklung und Lebensfähigkeit konstitutiv ist.5 Die Mutforscherin Pury hebt hervor, dass Mut nur unter Berücksichtigung der individuellen Geschichte und Motivation einer Person angemessen beurteilt werden kann. Mut bleibt somit eine Haltung, die zwischen innerer Wahrnehmung, situativer Einschätzung und Entscheidung vermittelt.6
Diese anthropologische Grundstruktur verlangt nach einer ordnenden Instanz, um Angst weder lähmen noch in unreflektierte Kühnheit umschlagen zu lassen.
Aristoteles: Mut als vernünftig geordnete Haltung
Bereits in der Antike galt Mut – oft als Synonym zur Tapferkeit – als zentrale Tugend, die eng mit männlichen Rollen- und Heldenvorstellungen verbunden war.7 Eine systematische Bestimmung des Mutes findet sich erstmals bei Aristoteles. In seiner Nikomachischen Ethik beschreibt er Mut (ἀνδρεία) als Tugend der Mitte zwischen zwei Extremen: dem Übermaß an Furcht, der Feigheit (δειλία), und dem Übermaß an Zuversicht, der Tollkühnheit (θρασύτης).8 Mutig ist demnach nicht, wer keine Angst empfindet, sondern wer Angst und Risiko vernünftig beurteilt und ausgewogen handelt:
„Die einen haben Zuviel und Zuwenig, der andere (d.i. der Mut) hält sich in der Mitte und handelt, wie es sich gehört.“9
Aristoteles macht damit deutlich, dass es nicht darum geht, dass das handelnde Subjekt mittelstarke Affekte haben sollte, die weder lobenswert noch tadelnswert wären. Im Fokus steht vielmehr, wie es sich gegenüber diesen Affekten verhält. Das Konzept der Mesotes-Lehre zielt nicht auf eine rein arithmetische Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig ab, sondern auf eine Mitte, die sich durch Angemessenheit und sittliche Richtigkeit charakterisieren lässt.10 Ausgehend von den aristotelischen Überlegungen lässt sich Mut als eine Haltung beschreiben, die sich darin zeigt, dass ein Mensch sich den jeweils relevanten Widrigkeiten aus vernünftigen Gründen, in angemessener Weise und zum richtigen Zeitpunkt stellt. Mut setzt damit sowohl das Vorhandensein eines realen Risikos als auch eine durch praktische Vernunft geleitete Handlung voraus, die auf ein sittlich relevantes Ziel ausgerichtet ist, kurzum: Mut ist ohne sittlich relevantes Ziel kein Mut.
Thomas von Aquin: Mut ordnet und zügelt die Angst
Thomas von Aquin rezipiert die aristotelische Tugendlehre und integriert sie in seine christliche Anthropologie. Mut (fortitudo) zählt für ihn zu den Kardinaltugenden11, deren Aufgabe es ist, den Menschen in der Verfolgung des Guten angesichts innerer und äußerer Herausforderungen zu stabilisieren und zu bestärken.12 Auch für Thomas steht Mut im Spannungsfeld von Angst und Kühnheit: Mut zügelt (cohibēre) die Furcht und mäßigt (moderārī) die Kühnheit.13 Gemäß dem Aquinaten besteht die vornehmliche Aufgabe des Mutes darin, die Angst zu zügeln und dadurch das Handeln zu ermöglichen. Mut ist stets an die Tugend der Klugheit (prudentia) rückgebunden14 und durch sie auf die Vernunft hingeordnet (ordinare)15. Ohne diese Rückbindung droht Mut entweder in Leichtsinn oder Übermut umzuschlagen. Charakteristisch für das thomanische Mutverständnis ist die Betonung der auf den ersten Blick passiven Dimension des Mutes, nämlich des Standhaltens, das Thomas als den vorzüglichen Akt (principalior actus) des Mutes bezeichnet.16 Gemeint ist damit ausdrücklich nicht, dass offenkundiges Unrecht vom sittlichen Subjekt aus Gründen der Selbstsicherung oder zur Vermeidung persönlicher Repressionen passiv toleriert wird. Ein solches Unterlassen widerspräche vielmehr der moralischen Verpflichtung zur Zeugenschaft für das Gute und wäre daher nicht als Ausdruck von Klugheit, sondern als Feigheit zu qualifizieren.17 Wer diesen, im Sinne Thomas’ impliziten Mut, praktiziert und standhält (sustinēre), ist nicht länger Sklave der Furcht und der reinen Physis. Somit erscheint Mut bei Thomas als formale Tugend des vernünftig geordneten Umgangs mit Angst; eine Bestimmung, die jedoch die Frage nach der moralischen Qualität der verfolgten Ziele zunächst offenlässt.
Mut: moralische Zielgerichtetheit
Mut ist fortwährend auf ein Ziel (τέλος) hin ausgerichtet. Als formale Haltung kann Mut jedoch auch dort auftreten, wo die verfolgten Ziele moralisch problembehaftet oder eindeutig verwerflich sind. Ein Bankräuber, der sein Leben für die Sache des Raubes, den Erfolg seiner Räuberbande riskiert, handelt zwar mutig, würde jedoch nicht als tapfer gelten. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass Mut als formale Fähigkeit von der moralischen Bewertung der Ziele zu unterscheiden ist.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Tapferkeit als moralisch qualifizierter Mut verstanden werden kann. Möglicherweise ist Tapferkeit eine sekundäre Tugend, deren Legitimität sich aus der Güterordnung der Ziele ergibt, denen sie verpflichtet ist. Die Grenze zwischen Mut und Tapferkeit bleibt dabei unscharf, gewinnt jedoch normative Relevanz.
Mut: Ambivalenz, Irrtum und Verantwortung
Diese Problematik tritt besonders signifikant im Fall des im Krieg befindlichen Soldaten zutage, der im Glauben handelt, dem Gemeinwohl, dem Schutz seines Volkes und einer gerechten Sache zu dienen, sich jedoch als Opfer eines politisch-ideologischen Trugschlusses erweist. Subjektiv mag sein Handeln von Mut oder gar Tapferkeit getragen sein, objektiv hingegen bleibt die moralische Qualität des Zieles fragwürdig.18
Das Fallbeispiel verdeutlicht, dass sowohl Mut als auch Tapferkeit einer durchaus ambivalenten moralischen Bemessung unterliegen. Die Tugendhaftigkeit der Haltung schützt nicht vor Irrtum, und gute Motive garantieren keine ethische Rechtfertigung. Aus ethischer Perspektive bleibt daher die Unterscheidung zwischen subjektiver Verantwortung und objektiver Ordnung des Guten unverzichtbar.
Zusammenfassung
Die vorangegangenen Überlegungen haben gezeigt, dass Mut weder mit bloßer Angstlosigkeit noch mit einfacher Risikobereitschaft gleichzusetzen ist. Mut setzt die Erfahrung von Angst voraus, ordnet diese aber durch Klugheit und praktische Vernunft, sodass Handeln trotz Unsicherheit und Widrigkeiten ermöglich wird.
Aristoteles beschreibt Mut als Tugend der Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, Thomas von Aquin betont zusätzlich die Bindung an die Klugheit und die sittliche Zielgerichtetheit. Anthropologische Differenzierungen verdeutlichen, dass Mut situativ und motivabhängig ist sowie mutiges Handeln der Einübung bedarf; er ist keine generalisierte Persönlichkeitseigenschaft, sondern eine Haltung, die sich im verantwortlichen Handeln zeigt.
Mut kann formell unabhängig von der moralischen Bewertung der Ziele auftreten; Tapferkeit hingegen setzt moralisch gute Zielsetzungen voraus. Die Spannung zwischen formaler Fähigkeit und ethischer Zielgerichtetheit macht Mut ambivalent, aber zugleich unverzichtbar. Aus ethischer Perspektive verbindet Mut Verantwortung, Klugheit und Zielorientierung: Wer Mut lebt, steht damit nicht über der Ethik, sondern leistet aktiv einen erheblichen Beitrag zu ihrer Verwirklichung.
Kurzum: Mut ist eine praxisrelevante Tugend, die Angst anerkennt, sie durch Klugheit ordnet und das Handeln auf das Gute hin ausrichtet. Er stabilisiert und animiert das menschliche Handeln in den Unwägbarkeiten des Lebens und macht die ethische Verantwortung erfahrbar. Mut ist unverzichtbar, aber immer nur im Kontext verantworteter Zielsetzung sinnvoll.
Fußnoten
01 Weihnachtsansprache von Bundespräsident F.-W. Steinmeier am 25.12.2025 in Schloss Bellevue: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Downloads/DE/Reden/2025/12/251225-Weihnachtsansprache.pdf?__blob=publicationFile&v=3 [Aufruf: 30.12.2025].
02 Im Beitrag werden Angst und Furcht nicht trennscharf unterschieden. Beide bezeichnen Formen affektiver Bedrohungserfahrung, wobei Furcht eher objektbezogen, Angst hingegen existenziell grundiert ist.
03 Vgl. St. Ernst, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München 2009, 297 ff.
04 Vgl. A. Riedl, Mut, in: H. Rotter/G. Virt (Hrsg.), Neues Lexikon der christlichen Moral, Wien 1990, 535–537, bes. 537.
05 Vgl. https://www.blaues-kreuz.de/fileadmin/4_blaues-kreuz/Jahresthemen/Jahresthema_2024/Artikel/Mutig_Liebe_leben_BLAU-1-24.pdf?utm_source=chatgpt.com [Aufruf: 30.12.2025]. Hierzu auch Ernst, Grundfragen, 316.
06 Vgl. hierzu ausführlich C. Pury/Sh. Lopez, The Psychology of Courage. Modern Research on an Ancient Virtue, Washington 2010.
07 Vgl. Homer, Ilias, Buch 6, 441 ff.: „αἴ κε κακὸς ὣς νόσφιν ἀλυσκάζω πολέμοιο οὐδέ με θυμὸς ἄνωγεν, ἐπεὶ μάθον ἔμμεναι ἐσθλὸς αἰεὶ καὶ πρώτοισι μετὰ Τρώεσσι μάχεσθαι […].“ In deutscher Übertragung: „Wenn doch ich, wie ein Feiger, mich vom Krieg fernhalte, drängt mich mein Herz nicht, denn ich habe gelernt, tapfer zu sein, immer an vorderster Front mit den Trojanern zu kämpfen […].“
08 Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, III,10,1115b–1116b1–10. (Übersetzt v. E. Rolfes, bearb. v. G. Bien, in: Philosophische Schriften Bd. 3, Darmstadt 1995, 58 ff.)
09 Aristoteles, Nikomachische Ethik, III,10, 1116a5ff.
10 Vgl. U. Wolf, Über den Sinn der Aristotelischen Mesoteslehre, in: O. Höffe (Hrsg.), Aristoteles. Die Nikomachische Ethik (Klassiker Auslegen Bd. 2) Berlin 1995, 83–108, 90.
11 Vgl. Sth II–II, q. 123 a. 11 co.
12 Vgl. Sth II–II, q.123 a. 2 ad 1.
13 Vgl. Sth II–II, q.123 a. 3 co.
14 Vgl. Sth II–II, q. 123 a.12 co.
15 Vgl. Sth II–II, q.123 a. 11 ad 2.
16 Vgl. Sth II–II, q.123 a. 6 co.
17 Vgl. Ernst, Grundfragen, 269.
18 Vgl. B. Schüller, Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie, Düsseldorf 21980, 133–141, sowie Ernst, Grundfragen, 116 f.
Der Autor
Christoph J. Bergmann OP, Mag. Theol. (christoph.bergmann@dominikaner.de), geb. 1992 in Rodewisch. Rector Ecclesiae von St. Andreas Düsseldorf. Anschrift: Andreasstraße 27, 40213 Düsseldorf. Veröffentlichung u. a.: Wilhelm von Tocco als Thomasbiograf, in: Wort und Antwort 65 (2024), 43–46.