Mariana Mazzucato / Rosie Collington, Die große Consulting-Show. Wie die Beratungsbranche unsere Unternehmen schwächt, den Staat unterwandert und die Wirtschaft vereinnahmt, Campus Verlag Frankfurt a.M.– New York 2023, 327 S., € 26, –
Das Wirken der Beratungsunternehmen besitzt eine große gesellschaftliche Bedeutung. Es wird zwar immer wieder in Reportagen und Dokumentationen aufgegriffen, bleibt aber weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit. Insofern füllt das Buch eine wichtige Lücke.
Das Phänomen der kommerziellen Beratung wird in vielen Facetten analysiert. Die Studie zeichnet knapp die Geschichte der Entstehung und v.a. der ubiquitären Ausbreitung nach, nennt die wichtigsten Unternehmen und beschreibt ihre Arbeitsweisen, Strukturen, Netzwerke und Umsätze. Der Schwerpunkt des Buchs liegt auf der kritischen Analyse, wie bereits der polemische Titel „Die große Consulting-Show“ zeigt. Der Untertitel nennt einige der zentralen Verwerfungen: „Wie die Beratungsbranche unsere Unternehmen schwächt, den Staat unterwandert und die Wirtschaft vereinnahmt“.
Als Gründe, weshalb Behörden und Unternehmen eine externe Beratung in Anspruch nehmen, werden insbesondere die folgenden angeführt: Teils fehle Personal; teils wollten Führungskräfte eine bereits feststehende Entscheidung durch eine dritte, scheinbar neutrale und objektive Instanz legitimieren lassen; teils wollten sie sich für den Fall des Scheiterns absichern. Alle drei Motive seien problematisch. Im letzten Fall zeige sich, dass sehr häufig die finanziellen Risiken wie auch etwaige Imageschäden einseitig beim Auftraggeber blieben. Die Alibifunktion sei naheliegend, bringe aber objektiv gesehen keinen Mehrwert. Der Mangel an (kompetentem) Personal sei in nicht wenigen Fällen, v.a. bei der öffentlichen Hand, eine Folge früherer Sparmaßnahmen. Insgesamt könne eine Abwärtsspirale entstehen, weil Behörden durch die Beratung zunehmend Fähigkeiten verlören und infolgedessen immer häufiger Aufgaben auslagern müssten.
Die Vf. ziehen den Sinn und den Erfolg von Beratung grundsätzlich in Zweifel. Die Beratungsunternehmen brächten in vielen Fällen keine oder zu wenig Leistung. Die Folgen seien Verzögerungen, erhebliche Kostensteigerungen und teils auch das Scheitern von Projekten.
Als ein weiteres Problemfeld wird die Netzwerkmacht der großen Beratungsunternehmen in den Bick genommen. Sie pflegten aktiv den Kontakt mit ehemaligen Beschäftigten, die oft auf der mittleren oder oberen Führungsebene potentieller Auftraggeber arbeiteten und dort die in der Frühphase ihrer beruflichen Karriere verinnerlichten Denkschemata verbreiteten. Für sie sei es folglich naheliegend, bei der Projektabwicklung externe Partner hinzuzuziehen. Daneben sei es aufgrund der Kontakte leichter, Informationen oder gar einen Auftrag zu erhalten. Teils wechselten auch einige Personen gezielt zwischen Beratungsunternehmen und Verwaltungen (der sog. Drehtüreffekt), und in manchen Fällen stünden gar Parlaments- oder Regierungsmitglieder im Dienst von Beratungsunternehmen, was u.U. sogar legal sei. Die Unternehmen verstärkten ihren großen informellen Einfluss ferner dadurch, dass sie sich ein wissenschaftliches Image gäben. Sie veröffentlichten Studien und Zeitschriften, die insbesondere dazu dienten, beim Publikum den Eindruck zu hinterlassen, dass sie in einem neuen Handlungsfeld wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder künstliche Intelligenz kompetent seien.
Damit hänge das weitere Problem zusammen, dass Beratungsunternehmen vielfach in einem Interessenkonflikt stünden. Sie wirkten an der Erstellung von Gesetzen oder öffentlichen Ausschreibungen mit, die zugleich ihre anderen Kunden in der Privatwirtschaft beträfen. Zudem träten sie auch selbst als Hauptauftragnehmer auf. Insgesamt sei also oft nicht klar, wessen Belange sie primär im Blick hätten. Auch wenn ein solches Mehrfachmandat nur selten gemäß der jeweiligen Gesetzeslage als Korruption gelte, gehe es in vielen Fällen zu Lasten der Allgemeinheit, wie sich z.B. bei der legalisierten Steuervermeidung zeige.
Eine alles andere als unbedeutende Nebenfolge sei die Aushöhlung der Demokratie. Die Einflussnahme auf die Gesetzgebung erfolge ohne Mandat. V.a. bei sog. Sachentscheidungen wie z.B. der Auslagerung von IT-Aufgaben werde die Öffentlichkeit nicht informiert, obwohl sie große Auswirkungen auf das Verständnis und die Handlungsfähigkeit des Staats hätten.
Ein weiteres gravierendes Problem sehen die Vf. darin, dass die Tätigkeiten der Beratungsunternehmen nicht neutral, d.h. an Effizienz ausgerichtet seien, sondern eine spezifische Sicht der Wirtschaft beförderten, die sich weltweit als dysfunktional für Staaten und Unternehmen erwiesen habe. Sie forcierten die bestehende, an der Steigerung von Aktienkursen ausgerichtete Kurzfristorientierung in der Unternehmensführung, was bspw. die interne Forschung und damit den langfristigen Erfolg schwäche. Sie prägten die allgemein verbreitete Auffassung mit, dass der Staat für viele Aufgabenfelder weder kompetent noch zuständig sei. Dies führe in eine Abwärtsspirale. Den Behörden werde nicht vertraut, sie würden verkleinert, ihnen fehle das Personal für Aufgaben, die deshalb ausgelagert werden müssten, woran wiederum Beratungsunternehmen verdienten. Durch diese sog. Verschlankung würden Lernprozesse verhindert, und es würden keine Fähigkeiten aufgebaut, die für andere Aufgaben wie etwa den Aufbau einer digitalen Infrastruktur nützlich oder bei unvorhergesehenen Notfällen wie der Coronapandemie hilfreich seien. Alles in allem bewirke dieser Prozess eine „Infantilisierung“ der öffentlichen Verwaltung, wie die Vf. mit Bezug auf eine Formulierung des britischen Ministers Agnew schreiben. Diese erlernte Hilflosigkeit ist sicher eines der größten systemischen Probleme, die die Consulting-Show mit sich bringt.
Im Schlusskapitel nennen die Vf. vier Ansatzpunkte, die die wirtschaftspolitische Position, die Mazzucato in ihren bisherigen Veröffentlichungen entwickelt hat, widerspiegeln. Sie lässt sich in das in der Kapitelüberschrift genannte Bild bringen: „Eine Regierung, die rudert, damit sie steuern kann“ (249). Es sei eine falsche Sicht, den Staat lediglich als Ermöglicher zu sehen, der die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen gestalte. An ihre Stelle sollte eine Missionsorientierung treten. So wie der Staat beim Apolloprogramm, einem von Mazzucato oft gebrauchten Beispiel, Initiator und Gestalter gewesen sei, so könne er gegenwärtig z.B. die Energiewende zu einer gesamtgesellschaftlichen Mission machen. An solchen Missionen seien Unternehmen zu beteiligen, sie dürften jedoch nicht einseitig den Gewinn abschöpfen. Bei der Erfolgsmessung müssten auch die unvorhergesehenen positiven Übertragungseffekte in andere Technikbereiche berücksichtigt werden (mit Blick auf die Mondmission nennen die Vf. etwa Software oder Kameratelefone). Nicht zuletzt müsse dem Staat so wie Unternehmen auch zugestanden werden, bei derartigen Projekten zu scheitern. Mit Blick auf die Nutzung von Beratungsunternehmen empfehlen die Vf., dass bei allen Beratungsverträgen die Lernprozesse und der Zugewinn an Fähigkeiten als Ziele ausdrücklich festgeschrieben werden. Ferner sollten Interessenkonflikte verpflichtend publik gemacht werden.
Alles in allem weist das Buch einige erhebliche Schwächen auf. Nicht wenige Passagen sind suggestiv und gewinnen ihre argumentative Kraft allein aus dem jeweiligen Beispiel. Viele Abschnitte wirken unstrukturiert. Etliche Gedanken wiederholen sich. Sprachlich ist es kein Meisterwerk. Dass die Belege in Anmerkungen am Ende des Buchs angeführt werden, ist wenig benutzerfreundlich.
Trotz allem ist die Studie lesenswert, weil das analysierte Problem gravierend, aber wenig beachtet ist und weil sie eine Vision bietet, die die gesellschaftliche Auseinandersetzung voranbringen kann. Sie arbeitet die Bedeutung etlicher Hintergrundannahmen heraus, etwa Vorstellungen zu Lernprozessen und zu Wissen, zur Rolle des Staats oder zur Messung von Leistung und Erfolg, und zeigt, dass sie weit verbreitetet, aber irreführend sind. Insgesamt regt das Buch dazu an, über das Staatsverständnis neu nachzudenken.