Bartolomé de Las Casas, Apologia gentium novi orbis. Verteidigung der Völker der Neuen Welt, hrsg., eingeleitet und kommentiert von Mariano Delgado, aus dem Lat. übersetzt von Michael Lauble (Politische Philosophie und Rechtstheorie des Mittelalters und der Neuzeit. Texte und Untersuchungen, Bde. 17, 1–2), Verlag Frommann-Holzboog Stuttgart – Bad Cannstatt 2025, CCXVII + 807 S., € 298,–.
Mit diesem monumentalen Œuvre legt Mariano Delgado (Universität Fribourg) zum ersten Mal die komplette deutsche Übersetzung der Studie des spanischen Dominikanerbischofs Bartolome de Las Casas (1484–1566) vor, die dieser in der vorliegenden Form Mitte 1551 erarbeitete und bis 1553 weitgehend fertigstellte. Die „Apología gentium orbis“ lag bis dato in verschiedenen Ausgaben nur in englischer und spanischer Übersetzung vor. Die einzige bislang bekannte Handschrift, geschrieben vermutlich von einem Sekretär, aber durch Las Casas als authentisch bestätigt, befindet sich heute in der Bibliothèque Nationale de France in Paris. In dieser Quelle finden sich verschiedene weitere handschriftliche Anmerkungen und Ergänzungen. Der Herausgeber rekurrierte auf diese Handschrift, berücksichtigte aber auch die Vorschläge anderer Experten hinsichtlich der Bewertung der handschriftlichen Anmerkungen.
Wie es zu diesem Text kam und was den Autor bewogen hat, ihn zu verfassen, wird von Delgado in seiner Einleitung ausführlich geschildert (XLVII – CLXXXIV). Der Konflikt um die spanische/europäische Besetzung des amerikanischen Kontinents, den der Herausgeber in seinem Beitrag die „Kontroverse De Indis“ nennt, wurde von Anfang an sehr ernsthaft als ethische Debatte geführt und dies durchaus mit dem Wohlwollen der spanischen Krone. Jenseits der praktischen und strategischen Realität dieses gewalttätigen Prozesses gab es immer wieder einen seriösen Diskurs, der oftmals nicht nur als ein juristischer oder philosophischer, sondern auch ein theologischer geführt wurde. Paradigmatisch sei genannt die „Schule von Salamanca“, die auf der Grundlage der Konzeption des Thomas von Aquin und dem antiken Iusnaturalismus die neu entstandene Ambivalenz von „dominium“ und „infidelitas“, der Herrschaft im Hinblick auf Ungläubige evaluierte. Zum Universalismus der salmantinischen Tradition gehört das „Postulat der rechtlichen, biologischen und sittlichen Gleichheit aller Menschen, was heute allgemeiner Konsens und die Basis der Menschenrechte sowie des Eine-Welt-Denkens ist.“ (Einleitung, L). Dazu gehört nicht nur das Naturrecht, sondern auch der Glaube an die Monogenese der Menschheit und die Universalisierung der Christusbegegnung im Notleidenden.
Kritisch erinnert Delgado an bestimmte päpstliche Schreiben, die eine Herrschaftsübertragung Westindiens an die spanische Krone suggerierten, für die es aber keinerlei rechtliche Grundlage gab. Ebenso kritisch verweist er auf den Herrschaftsanspruch der Protestanten (z.B. die Puritaner im Osten Nordamerikas), deren Entdeckungsdoktrin mit der Annahme des Rechts auf die neuen Länder einherging, welches vorgeblich von Gott selbst dem vermeintlich auserwählten Volk übertragen worden sei. Delgado verwahrt sich auch gegen Thesen bestimmter postkolonialer Theorien, die Las Casas vorwerfen, trotz aller Verdienste im Kampf um die Rechte der Indios die Ureinwohner letztlich für minderwertig zu halten. „Er hielt sie nicht für minderwertig, sondern für nach der Ankunft der Europäer ‚geängstigte‘ und ‚bedrängte‘ Menschen, die des Schutzes und der Hilfe bedürfen, weil sie um ihre Rechte gebracht wurden.“ (LIII) Delgado will in seiner Studie aufzeigen, wie haltlos diese Theorien sind.
Mariano Delgado geht auch auf den heiklen Punkt der Haltung Fray Bartolomés gegenüber den schwarzen Sklaven ein, der in frühen Jahren (1519) noch einforderte, man solle anstelle der Indios afrikanische Sklaven nach La Española transferieren, damit die Indios geschont würden. Aus gegebenem Anlass veränderte er seine Position radikal: Er beschützte 1547 einen freigelassenen schwarzen Sklaven auf der gemeinsamen Rückreise nach Spanien, damit dieser sicher ins Mutterland gelangen konnte, um beim königlichen Gerichtshof seine angefochtene Freilassung bestätigen zu lassen. Dies scheint – so Delgado – der Moment gewesen zu sein, in dem sich Las Casas erstmal wirklich mit der grausamen Realität schwarzer Sklaven auseinandersetzte und seitdem immer wieder klar und deutlich formulierte, dass für die Schwarzen dasselbe Recht wie für die Indios zu gelten habe.
Es folgt in Delgados Einleitung eine ausführliche Darstellung der Entstehung der „Apología“, die das Ergebnis einer Kontroverse zwischen Juan Ginés de Sepúlveda (1490–1573) und Las Casas darstellt, die wiederum eine längere Vorgeschichte hatte. Dabei handelt es sich um eine sehr instruktive Einführung in die Geschichte Amerikas, in der regelmäßig nach der Rechtmäßigkeit des spanischen Gebarens vor Ort gefragt wurde. So machte der berühmte Dominikanertheologe Thomas de Vio Cajetan (1469–1534) klar, dass es keinerlei Grund für einen gerechten Krieg gegen die Indios gegeben habe oder gebe und nur die friedliche Evangelisierung angebracht sei. Die Haltung der Dominikaner im Studienhaus San Esteban war so eindeutig, dass der Kaiser zuweilen skeptisch reagierte und einschlägige Texte zu unterbinden suchte. Herausragend waren dabei die Studien Francisco de Vitorias (1483–1546), aber es waren auch andere Theologen, die sich der Sache in diesem Sinne annahmen (u.a. die Dominikaner Melchor Cano und Domingo de Soto). Als Gegenspieler entpuppte sich zunehmend der im allgemeinen als humanistischer Gelehrter bezeichnete Sepúlveda, der prinzipiell davon ausging, dass die Menschen seiner Zeit „in der Ecclesia militans inmitten einer unvollkommenen Menschheit leben und die von Joachim von Fiore erträumte Ecclesia spiritualis, von deren Möglichkeit Erasmus mit seinem Vertrauen in die Kraft von ‚Gebet und Wissen‘ zur Überwindung der Laster und seinem konsequenten Pazifismus auszugehen schien, in dieser Welt eine Chimäre bleibt.“ (LXXXV) So nimmt es kein Wunder, dass sein Werk „Democrates secundus“ den Untertitel „Über die gerechten Gründe des Krieges gegen die Indios“ trägt. Und es erstaunt noch weniger, dass es daraufhin zu einer Kontroverse zwischen ihm und Las Casas kam. In der so genannten „Disputation von Valladolid“ trafen die beiden aufeinander und ließen sich auf eine ausführliche und auch durchaus reflektierte Diskussion ein, die von bedeutenden Gelehrten begleitet und beobachtet wurde. Delgado macht aus Sepúlveda aber keineswegs einen böswilligen und bellizistischen Ideologen, sondern differenziert ausführlich dessen Anliegen, Thesen und Schlussfolgerungen.
Im zweiten Teil des Doppelbandes folgt der eigentliche Text der Apología, den Las Casas auf Latein verfasst hatte, und dem die brillante deutsche Übersetzung von Michael Lauble gegenübersteht. Dem Text vorangestellt ist die Vorrede des Dominikaners Bartolomé de la Vega, die er 1563 hinzufügte. De la Vega unterstützte Las Casas in vielerlei Hinsicht und suchte nach Möglichkeiten, dessen Texte zu publizieren. Seine Sympathie für Las Casas und dessen Anliegen bezeugte er umstandslos in seiner ausführlichen Vorrede, die er augenscheinlich dem Königlichen Indienrat widmete und mit der er den König darin bat, der Apología die Veröffentlichungserlaubnis zu erteilen, um das Problem in Amerika transparent zu machen. Im Anschluss daran werden die Genese und der Ablauf der Kontroverse von Valladolid geschildert. Die kritisch edierten einzelnen Kapitel (36–609) folgen dieser Einführung, verbunden mit einem ausführlichen kommentierenden Apparat (610-807).
Der Herausgeber Mariano Delgado hat der Las Casas–Forschung großartige Dienste geleistet, mit denen er den wichtigen Text Fray Bartolomé de Las Casas‘ nicht nur auf Deutsch vorstellt, sondern auch die Editionsarbeit damit verbindet hat, die Handschrift kritisch untersucht und auf wichtige inhaltliche Aspekte hinzuweist. Dazu dient auch seine umfassende historische Einführung, die den Kontext und die Genese des Textes näher hin beleuchtet. Ein Werk von unschätzbarem Wert für die Forschung der – keineswegs nur deutschsprachigen – Lascasisten!