Peter Becker/Franz-Xaver Heibl/Daniela Köder/Thomas Prügl (Hrsg.), Spiritus docebit vos omnia. Gebet und Verkündigung als geistliches Sprechen. Festschrift für Marianne Schlosser, Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2025, 405 S., € 54,‒.

Marianne Schlosser hatte von 2004 bis 2025 den Lehrstuhl für Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien inne. Die Herausgeber gaben mit dem Thema geistliche Rede der Aufsatzsammlung einen roten Faden. Bonaventura, Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Edith Stein und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. lauten die wieder und wieder thematisierten Meister. Die Aufsätze werden in drei Themenbereichen präsentiert. Unter den historischen Vorbildern geistlichen Sprechens geht es um Anselm von Canterbury, den Baum des Lebens, biblische Vorbilder christlichen Betens, Strukturelemente der mittelalterlichen Universitätspredigt, das Verhältnis von Glauben und Religion, das Lob der Weisheit, die Kunst der Liebe, das Hören auf die Stimme des Heiligen Geistes sowie die Rezeption von Gregor dem Großen in Bezug auf Kriterien geistlicher Rede. Da lateinische Zitate und Fachausdrücke unübersetzt bleiben, setzt das Lesen dieses Abschnitts Kenntnisse der scholastischen Theologie voraus oder den Zugang zu ChatGPT, einer erstaunlich verlässlichen Hilfe beim Übersetzen aus dem mittelalterlichen Latein.

Der zweite Themenbereich lotet philosophisch-theologische Dimensionen des geistlichen Sprechens aus. Der langjährige Kollege der Geehrten auf dem Lehrstuhl für Altes Testament schreibt über den göttlichen Atem im Menschen nach Gen 2,7 und kommt schließlich zum Atmen als Inhalt geistlicher Versenkung. In den folgenden Beiträgen geht es um das Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel als geistliche Rede sowie um Gebet als Quelle und Seele christlicher Theologie. Theologiegeschichtlich wird es mit einer Würdigung des Werkes Exegese medievale von Henri de Lubac. Die restlichen Beiträge des Abschnitts widmen sich der Eucharistie und dem Gebet.

Ich habe mir die Festschrift wegen zweier Beiträge im letzten Themenbereich zu liturgisch-pastoralen Aspekten geistlichen Sprechens zur Rezension kommen lassen. Denn es gehört zu meinen Aufgaben in der Begleitung junger Dominikanerstudenten, die Frage des Weiheamtes und dessen Einbettung ins dominikanische Leben zu problematisieren. Zweimal wird im Sammelband beklagt, dass sich „das Priestertum in einer geradezu endzeitlichen Identitätskrise gefangen sieht“ (124), was als „Symptom einer tiefen inneren Verunsicherung in Bezug auf Wesen und Sendung des katholischen Priestertums“ (315) gelten mag. Zur Debatte steht die Position und Funktion des geweihten Priesters inmitten des priesterlichen Gottesvolkes, gerade wenn es Eucharistie feiert. Lumen Gentium war von der Laientheologie des Dominikaners Yves Congar beeinflusst (317, Anm. 11), dessen Resümee der Veränderung der Stellung des Laien im Verhältnis zum Priester zwischen 1935 und 1970 (Jurist 32, no. 2 [1972], 169‒188; Ministères et Communion ecclésiale, Paris 1971, 9‒30) zu den Pflichtlektüren in der Ausbildung der französischen und deutschen Dominikaner gehört. Was kann man zukünftigen Geistlichen aus den Aufsätzen der Festschrift mitgeben? Zur Beantwortung dieser Frage dienen die Aufsätze des Augsburger Dogmatikers Thomas Marschler „Der Priester als Diener des Wortes Gottes“ und „Coram Deum: Das Tagesgebet ‒ nur ein Amtsgebet? Ekklesiologische Überlegungen zum ,geistlichen Sprechakt‘ im Kontext des gemeinsamen Priestertums“ von Richard Tatzreiter, dem Regens des Wiener Priesterseminars, und Franz Malzl, einem Absolventen der Fakultät in Wien. Beide Artikel sprechen wie schon Lumen Gentium vom Dienstpriester und nicht vom Amtspriester. Marschler setzt beim Dekret des 2. Vatikanischen Konzils Presbyterium Ordinis an. Es ordnet den priesterlichen Dienst den drei Ämtern Christi zu, dem Lehrer, Priester und König, so dass sich ein Lehr-, Heiligungs- und Leitungsdienst ergibt, an dem auch alle Getauften teilnehmen. Priester als „Diener des Wortes“ dienen zum einen dem fleischgewordenen Wort Gottes und ahmen das „Mit-Christus-Sein“ der Apostel nach. Zum anderen dient der Priester als Prediger dem Wort der Verkündigung vom nahenden Gottesreich. In beiden Formen des Dienstes kommt dem persönlichen Leben ein wesentlicher Raum zu. Glaube an den sich selbst offenbarenden Gott zielt auf die Formung der gesamten Persönlichkeit und die Gestaltung des Lebens in allen Dimensionen und Vollzügen ab. Zudem legt die Überantwortung der menschlichen Freiheit an Gott mit Verstand und Willen ein Lebenszeugnis ab, das der Wahrheit des Christentums, die durch rationale Argumente allein nicht bewiesen werden kann, Glaubwürdigkeit verleiht. Tatzreiter und Malzl konkretisieren das in Bezug auf einen liturgischen Vollzug in der Eucharistiefeier, dem Tagesgebet. In welchem Verhältnis stehen der das Gebet sprechende Priester und die mitfeiernde Gemeinde zueinander? Vom lateinischen Begriff für dieses Gebet, Collecta, lässt sich erschließen, dass es die Gebetselemente des Eröffnungsteils der Messe und die individuellen Gebetsintentionen der feiernden Gemeinde zusammenfasst (365). Damit erhalten die Gebetseinleitung (Oremus) und das danach vorgesehene gemeinsame Schweigen, das Zeit für die stillen Gebete der feiernden Gemeindemitglieder lässt, sowie das bestätigende gemeinsame Amen am Schluss entscheidende Bedeutung (370‒377). Neben diesen beiden Aufsätzen lassen sich aber auch in vielen anderen Beiträgen dieser Festschrift Anregungen für die Ausbildung zukünftiger Geistlicher finden. Da sind die Analysen von Predigten durch Rolf Schönberger zur mittelalterlichen Universitätspredigt am Beispiel des Thomas von Aquin, durch Thomas Prügl zur Einführungsvorlesung Heinrichs von Langenstein an der Wiener theologischen Fakultät sowie durch Florian Mair OFM über die Predigt des Franziskaners Heinrich Vigilis von Weißenburg. Dimensionen des geistlichen Lebenszeugnis werden dargelegt in den Beiträgen von Michaela C. Hastetter „Audi quod dicis, operare quod praedicas“ und von Kurt Cardinal Koch zum Gebet als Quelle und notwendiges Gleichgewicht zwischen theologischer Reflexion und spirituellem Leben.

Marianne Schlosser ist eine Freundin und Förderin der Dominikaner. Mehrmals hat sie mit den dominikanischen Studenten Thomas von Aquin gelesen, darunter auch den Religio-Traktat der Summa, über den Richard Schenk OP in seinem Beitrag schreibt. Es wird die Geehrte freuen, dass ihre Festschrift viele spirituelle Anregung für die Ausbildung zukünftiger Geistlicher enthält. Die übrigen Artikel des dritten Themenbereichs zur Kirchenmusik, zum Gloria-Hymnus und zur Krankensalbung sowie ein Verzeichnis der Schriften von Marianne Schlosser und der Herausgeber und Autoren runden den Sammelband ab.

Hans Ulrich Steymans OP, Wien