Clemens Sedmak, Wenn das Unvorstellbare geschieht. Durchbrochenes Denken und theologische Vorstellungskraft, Verlag Herder Freiburg/Br. 2025, 264 S., € 24,‒.

Es gibt Bücher, die man weder jemals hätte schreiben und veröffentlichen sollen oder lesen wollen! Dazu gehört dieses Essay des in Notre Dame (USA) und Salzburg lehrenden Sozialethikers Clemens Sedmak. Der Autor, bekannt als einer der großen Sozialethiker unserer Zeit, der bereits eine Menge Fachstudien veröffentlicht hat, präsentiert hier ein sehr persönliches Buch ‒ erschütternd und traurig zu lesen. Der Autor beschreibt den Tod seines 15 Jahre alten Sohnes Jonathan, der ‒ was emotional noch dramatischer ist ‒ sich selbst im Haus der Familie das Leben genommen hat.

So heißt es im Vorwort: „Unser Sohn starb in der Nacht ‒ während wir schliefen. Er war 15 Jahre und sieben Monate alt und ging still aus dieser Welt in das ‚Dereinst‘. Unser sanfter Bub hat seine schlafenden Eltern weder gestört noch stören wollen. Leise ging er von uns, hinüber. Die Pandemie hat ihm die Lebenskraft genommen; mit jedem lockdown-Tag ist Lebenswillen aus ihm herausgesickert, die geschlossene Schule war Sinnbild für die geschlossene Welt.“ (7)

Das sind Situationen, in denen man als Freund oder Angehöriger nicht weiß, wie man da beistehen soll, was man sagen oder tun kann. Letztlich bleibt der trauernde Mensch allein. Sedmak entscheidet sich dazu, dieses Buch vier Jahre nach dem Suizid zu schreiben, das er versteht als ein „Essay über die theologische Vorstellungskraft und deren Durchbrechung“ (7). In mehreren Abschnitten setzt er, der gläubige Vater, der Theologe, der Sozialwissenschaftler, sich mit der Situation auseinander. Dabei sind die „Vorstellungskraft“ und der „Möglichkeitssinn“ ein leitendes Thema, aber offen geht er mit der Erfahrung des „Brechens“, mit dem „Leben mit Scherben“ und dem „Denken im Unglück“ um. Das Schlusskapitel zeigt die „durchbrechende Gewalt des Göttlichen“ auf. Es ist verständlich, dass Formeln wie Gott-kann-retten oder Gott-ist-bei-uns tröstliche Sätze sind, die aber an Trostkraft einbüßen, wenn das eigene Kind stirbt. Hier erweist sich die Fragilität der Theologie einerseits und das Disruptive der göttlichen Akte andererseits. Das spricht weder gegen die Theologie noch gegen Gott ‒ davon zeigt sich der Autor überzeugt. Und am Ende konzediert Sedmak: „Und wir erfahren die äußerst zarte Berührung von Heilen. Heilen heißt nicht: wieder ganz machen. Heilen heißt nicht: den Schmerz nehmen. Heilen bedeutet: in die Erde zu fallen und zu sterben. Immer wieder neu.“ (245).

Ein trauriges Buch, aber es ist gut, dass es geschrieben und veröffentlicht ist, und es ist spirituell und theologisch bereichernd, es zu lesen.

Thomas Eggensperger OP, Berlin