Stichwort
Kirche und Pastoral auf dem Land – zwischen Erosion und Aufbruch
Es gibt sie nicht, die eine Kirche auf dem Land. Zu vielfältig sind die Prägungen, zu unterschiedlich die Personen, die vor Ort wirken. Manchmal reicht schon ein Priesterwechsel und innerhalb weniger Monate verändert sich das Gesicht einer Gemeinde grundlegend: Was vorher blühte, kann vertrocknen, was tot schien, erwacht zu neuem Leben. Pastoral auf dem Land ist deshalb kaum je eine Frage des Ortes allein, sondern der Menschen, die sich dort engagieren – haupt- wie ehrenamtlich.
Und doch: In den ländlichen Räumen wird die ganze Dramatik des kirchlichen Umbruchs heute besonders sichtbar. Die beiden großen Volkskirchen erodieren. Die jüngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung1 zeigt: Erstmals sind weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland Christ:innen. Nur vier Prozent der Katholik:innen bezeichnen sich noch als gläubige, eng mit der Kirche verbundene Mitglieder. Jedes zweite Kirchenmitglied besucht nie einen Gottesdienst. Die Vertrauenswerte sind im Keller: Auf einer Skala von eins bis sieben erreicht die katholische Kirche gerade einmal 2,3 – knapp vor dem Islam, aber weit abgeschlagen hinter anderen gesellschaftlichen Institutionen.
Landpastoral im Spannungsfeld
Auf dem Land kommt hinzu, dass die pfarrlichen Strukturen schon lange dünn besetzt sind. Während in Städten oft mehrere Seelsorger zur Verfügung stehen, mussten ländliche Regionen seit den 80er-Jahren mit weniger Hauptamtlichen auskommen. Ruhestandspriester konnten im Süden mancherorts einspringen, im Norden kaum. Heute bricht diese Unterstützung fast überall weg. Pfarrverbände wachsen zu riesigen Einheiten, in denen Priester nicht mehr alle Gemeinden regelmäßig erreichen können. Entfernungen von zwanzig oder dreißig Kilometern zwischen den Kirchen sind keine Seltenheit.
Und doch wäre es falsch, Landgemeinden pauschal als „sterbend“ zu beschreiben. Oft sind es gerade die kleinen Dörfer mit wenigen Hundert Katholikinnen und Katholiken, in denen das kirchliche Leben erstaunlich vital bleibt. Wo Dorfgemeinschaften noch tragen, wo man sich kennt und füreinander einsteht, wächst auch das kirchliche Engagement. Anders sieht es in größeren Orten mit starkem Zuzug aus. Dort lösen sich alte Strukturen auf, Nachbarschaften bleiben anonym, die Bindung an die Pfarrei ist schwächer geworden.
Auch die Sakramentenpastoral zeigt diesen Zwiespalt. Taufen sind auf dem Land nach wie vor häufig, Erstkommunionfeste werden fast geschlossen besucht. Doch bei der Firmung halbiert sich an nicht wenigen Orten die Zahl, das Bußsakrament spielt kaum mehr eine Rolle. In der Schule wird der Religionsunterricht zunehmend jahrgangs- und konfessionsübergreifend organisiert – eine pragmatische Antwort auf sinkende Zahlen und fehlende Lehrkräfte.
Wer an Kirche auf dem Land denkt, hat noch immer das Bild der bäuerlichen Familien im Kopf, die selbstverständlich den Pfarrgemeinderat prägen und die Kirchenfeste tragen. Dieses Bild stimmt längst nicht mehr. In vielen Regionen haben Landwirte mit Kirche kaum noch zu tun. Wo das Kirchliche weiterhin sichtbar bleibt, geschieht es oft eingebettet in regionale Bräuche – Almabtrieb, Schuhplatteln, Trachtenfeste. Da gehört Kirche „einfach dazu“, nicht immer aus Überzeugung, sondern aus Tradition. In den Kirchenverwaltungen ist die Präsenz von Landwirten noch am größten.
Gleichzeitig leiden viele bäuerliche Betriebe unter enormem Druck. Hier hat die Bäuerliche Familienberatung eine unverzichtbare Rolle übernommen. Sie ist für viele der einzige Ort, wo ihre Sorgen ausgesprochen werden können. In bester jesuanischer Tradition ist das Seelsorge an den Rändern – dort, wo Kirche sonst kaum noch vorkommt.
Die Rolle der Verbände
Gerade in dieser Situation zeigt sich die Bedeutung der katholischen Verbände. Ohne sie würde Kirche in vielen ländlichen Regionen kaum mehr vorkommen. Verbände geben den Menschen eine Stimme – Frauen, Jugendlichen, benachteiligten Gruppen. Sie schaffen Räume, in denen Glauben gelebt werden kann, und schlagen Brücken in die Gesellschaft.
Die Katholische Landvolkbewegung (KLB) ist ein Beispiel dafür. In den Orts- und Kreisgruppen gibt es lebendige Gottesdienste, Bildungsangebote, Begegnungen und Wallfahrten. Hier spürt man: Kirche ist nicht nur eine Institution mit Verwaltungsstrukturen, sondern ein Netz von Gemeinschaften. Ehrenamtliche tragen das kirchliche Leben vor Ort – oft in einem Maß, dass ganze Gottesdienstgestaltungen ohne Hauptamtliche möglich sind. Wo es eine aktive KLB gibt, gibt es auch funktionierendes Gemeindeleben.
Verbände sind zugleich „Werkstätten der Demokratie“. Sie leben Teilhabe, sie üben Mitbestimmung ein, sie sind vielfältig. Sie zeigen, dass Kirche nicht nur hierarchisch, sondern auch partizipativ gelingen kann – lebensnah, lebensfroh, traditionsbewusst und zugleich zukunftsoffen. Gerade das ist wegen der Zunahme rechtsextremer Tendenzen besonders notwendig. Hier sind noch authentische, oft prophetisch auftretende Menschen zu finden.
Wenn heute von der Krise der Kirchen gesprochen wird, geht leicht verloren: Kirche ist nicht nur Skandal, nicht nur Institution, sondern Kirche sind die Menschen, die sich engagieren. Und dieses Engagement ist wichtiger denn je. Jeder, der in einer Pfarrei Verantwortung übernimmt, jede, die einen Verband mitgestaltet, trägt dazu bei, dass Kirche lebendig bleibt.
Die Kirche lebt von Menschen, die Werte wie Nächstenliebe, Solidarität und Gerechtigkeit nicht nur predigen, sondern umsetzen – in Jugendarbeit und Pflege, in sozialen Projekten, im Nachbarschaftsdienst. Gerade im ländlichen Raum ist diese Solidarität noch spürbar: Man kennt die Nachbarn, teilt Freude und Leid, springt füreinander ein. In einer Gesellschaft, die von Krisen und Spaltungen geprägt ist – Pandemie, Kriege, Klimawandel – ist das eine kostbare Ressource.
Jesus als Vorbild – ein Ausblick
Unser Maßstab bleibt Jesus selbst. Er stellte die Schwachen und Ausgegrenzten in die Mitte. Er lebte Inklusion, die Gleichwertigkeit aller, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Status. Und er rief zu Mut und Veränderung. Wer ihm nachfolgt, darf sich nicht von Angst lähmen lassen. Kirche wird nur Zukunft haben, wenn sie mutig ist, wenn sie Menschen stärkt, wenn sie Räume für Hoffnung öffnet.
Die KLB in München und Freising versucht genau das. Sie schafft Gemeinschaft, begleitet Menschen in Freude und Leid, bietet Orientierung. Sie ist ein Ort, an dem Kirche und Gesellschaft zusammenkommen. Ehrenamtliche tragen zunehmend die Strukturen – und gerade darin liegt eine Rückkehr zu den Ursprüngen: kleine, engagierte Gemeinschaften, in denen der Glaube geteilt und gelebt wird.
Die KLB hat Strukturen, die Ehrenamtliche tragen – von den Ortsgruppen bis zur nationalen Ebene und darüber hinaus. Sie gibt Glauben und Engagement ein Gesicht. Und sie zeigt: Die Zukunft der Kirche liegt im Ehrenamt. Nicht in großen Verwaltungszentren, sondern in den kleinen Gruppen, in Hausgemeinschaften, in den Begegnungen vor Ort, im Mut derer, die Verantwortung übernehmen.
Fußnoten
01 E. Wunder/F. Erichsen-Wendt/Ch. Jacobi, Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, hrsg. von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Leipzig 2023 = www.kmu.ekd.de [Aufruf: 22.10.2025].
Der Autor
Johannes Seibold, Dipl. Rel-Päd. (cjseibold@eomuc.de), geb. 1963 in Ellingen/Weißenburg, Seelsorger für die Katholische Landvolkbewegung München und Freising und im Hospiz. Anschrift: Petersberg 2a, 85253 Erdweg. Veröffentlichungen u. a.: CD Frieden – Lebenslieder, 2018.
Dr. rer. nat. Stefan Bosch, Dipl. phys. (stefan.bosch@klb-muenchen.de), geb. 1974 in Ulm, Geschäftsführer der Katholischen Landvolkbewegung München und Freising. Anschrift: Petersberg 2a, 85253 Erdweg.