Federico Tavelli, Res Publica Hispanoamericana. Die Umgestaltung des alten Amerika durch christlich geprägte Gesellschaftsmodelle aus Europa 1520–1620 (Studien zur Außereuropäischen Christentumsgeschichte (Asien, Afrika, Lateinamerika) Bd. 39), Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2025, 323 S., € 68,–.
Der aus Argentinien stammende Autor, Privatdozent für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Br. und an der Universidad Católica Argentina, legt mit dieser Habilitationsschrift eine interkulturell orientierte Studie vor. Im Amerika des 16. Jahrhunderts entsteht mit der Implementierung europäischer christlicher Gesellschaftsmodelle eine neue sozio-politische Wirklichkeit, die bis heute den Kontinent prägt.
Der erste der drei Teile setzt sich zunächst mit der „dilatatio christianitatis“, d.h. den mittelalterlichen kulturell-religiösen Konditionierungen beim Verständnis der Neuen Welt auseinander, und setzt fort mit der Implementierung des Christentums und der Gestaltung einer ersten spanisch-amerikanischen Gesellschaft in den „Juntas“ zur Zeit von Juan de Zumárraga (Mexiko, 1528–1548) (15–98). Dabei setzt F. Tavelli mit Hernán Cortés an, der im Jahr 1519 auf den aztekischen Herrscher Moctezuma traf – zwei Kontinente begegnen sich. Zuvor hatte Europa durchaus schon Kommunikation mit ihnen fremden Kulturen (nicht zuletzt durch die Kreuzzüge), aber die Entdeckung Amerikas sprengte bisherige Dimensionen. Die entdeckten Völker wurden als eine weitere Instanz in der Heilsgeschichte dargestellt (so der Franziskaner Bernardino de Sahagún, 1500–1590), denn eine Kultur außerhalb des Planes Gottes war nicht vorstellbar. Teil dieses Plans war die Begegnung des europäischen Menschen mit der indigenen Kultur. Der Begriff der „christianitas“ im Sinne einer sozio-politischen Gemeinschaft greift diese Art von Kosmovision auf und bildet den theoretischen Rahmen für die eigene expansive Kraft der christlichen Welt. „Dilatatio christianitatis“ versteht Tavelli als Raum, der auf jeden Bereich erweitert werden konnte, da alles im Plan Gottes betrachtet wurde. Die Ausweitung des Christentums galt schlicht als Erweiterung der geistigen Grenzen der europäischen Kultur. Anders sieht das aus, wenn man den Blickwinkel der amerikanischen Völker einnimmt. Sie waren zwar interessiert, Elemente der europäischen Kultur aufzunehmen und mit Europäern zusammen zu leben, aber es offenbarte sich ein Konflikt zwischen dem indigenen Glauben einerseits und der seitens der Missionare verkündeten christlichen Religion. Die Voraussetzungen für einen Diskurs waren eigentlich günstig – die Mexica waren zivilisatorisch gesehen eine Hochkultur. So gab es Parallelelen hinsichtlich ihrer urbanen Lebensweise und ihrem religiösen Bewusstsein. Es fiel den indigenen Völkern allerdings schwer, sich von eigenen alten Bräuchen zu verabschieden, was christlicherseits aber implizit und explizit erwartet wurde. Der Autor weist zu Recht darauf hin, dass die christliche Welt im europäischen Gefilde zu dieser Zeit keineswegs mehr so uniform war, wie gemeinhin angenommen wird. Es gab Krisen (Protestantismus, Humanismus), sodass Tavelli in den Missionaren Vertreter sah, die versuchten, die Gesellschaft nach den Werten eines ursprünglichen Christentums zu gestalten. „Die Möglichkeit, dieses Verlangen verwirklichen zu können, weckte in ihnen die eschatologische Illusion der Errichtung einer neuen Ära.“ (29) Dies skizziert Tavelli am Beispiel des Franziskanerbischofs Zumárraga und seinen Reformbemühungen im Umfeld von erasmianischem Humanismus und der „devotio moderna“.
Im zweiten Teil der Studie untersucht der Autor „Indios als Protestanten? Auswirkungen der Konfessionalisierung in Spanisch-Amerika“ sowie die „Res Publica Hispanoamericana. Konfessionelle Modelle in der Gestaltung von staatlichen Elementen in den Synoden von Toribio de Mogrovejo (Peru, 1582–1585)“ (99–197). Die Reformation betrachtete Kaiser Karl V. zunächst als ein Problem in deutschen Ländern, achtete aber darauf, dass diese Strömung nicht in andere Regionen übergriff. Dies ging so weit, dass er den in Amerika residierenden Bischöfen untersagte, am Konzil von Trient teilzunehmen mit dem Argument, dass die Angelegenheiten des Konzils kaum etwas mit der Realität in Amerika zu tun hätten. Allerdings übernahm man die Beschlüsse des Konzils, nicht zuletzt auf ausdrücklichem Wunsch der Krone. Dies geschah u.a. im Rahmen von Provinzial- bzw. Diözesankonzilien – seitens Tavelli präzisiert an den Konzilien unter der Ägide des Erzbischofs von Lima, Toribio de Mogrovejo (1538–1606).
Im abschließenden dritten Teil fasst der Autor das Thema zusammen: „Von Zumárraga bis Mogrovejo. Die religiös geprägten Gesellschaftsmodelle bei der Etablierung und Konsolidierung Spanisch-Amerikas“ (199–213). Unter Zumárraga und seiner Idee einer „Neuen Kirche“ entwickelte sich México nach der Gründung des Vizekönigreichs Neuspanien von einer lokalen Herrschaftsmacht zum globalen Monarchiekomplex, der durch verschiedene „Juntas“ etabliert wurde. Unter Mogrovejo begann eine neue Phase, die weniger von mittelalterlichen und humanistischen Modellen geprägt war, sondern mehr von Modellen der europäischen Konfessionalisierung und den staatsbildenden Innovationen.
In einer „Überschau“ (215–220) formuliert Tavelli sein Fazit: Er habe in seiner Arbeit versucht, „ein historiografisches Novum beizutragen, indem sie mehrere Phänomene der letzten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts in einem breiteren, umfassenden Rahmen und im Dialog mit bibliografischen Sammlungen unterschiedlicher Herkunft und in verschiedenen Sprachen integriert.“ (220) Eine Bereicherung stellt der Dokumentarische Anhang dar, der zum ersten Mal überhaupt ein Manuskript als paläografische Transkription wiedergibt, das sich im Apostolischen Archiv des Vatikans befindet und die Texte der zehn überlieferten Synoden unter der Leitung Mogrovejos umfasst (221–283).
Eine spannende und weiterführende Studie, für die man dem Autor zum Dank verpflichtet ist!