Doris Zeilinger (Hrsg.), Brecht, Bloch, Benjamin, Berlin. 1923–2023 (VorSchein. Jahrbuch der Ernst-Bloch-Assoziation Bd. 40), Verlag Westfälisches Dampfboot Münster 2024, 175 S., € 22,–.
Der von der Sprecherin der Ernst-Bloch-Assoziation D. Zeilinger verantwortete Sammelband ist die Frucht der Jahrestagung 2023 ebendieser Vereinigung. Die Konferenz befasste sich mit den drei Großmeistern des Denkens Brecht, Bloch und Benjamin sowie ihrer Verortung in Berlin. Dabei fokussierten sich die Vortragenden auf das „Krisenjahr“ (Martin Blumentritt, 21) 1923, in dem allerdings (wie auch zu anderer Zeit) kein Treffen der drei Protagonisten stattgefunden hat. „Dennoch“, so Zeilinger, „hätte es stattfinden können, denn die drei ‚Bs‘ waren damals anwesend in ‚B‘.“ (8) Konferenz und Buch arbeiten sich schwerpunktmäßig an den folgenden Fragen ab: An welchen Texten arbeiteten die drei 1923? Welche Rolle spielte Berlin dabei? In welchem sozialen Umfeld bewegten sich die drei – inhaltlich, politisch, privat? Wie schlugen sich anhaltende Krise, Hyperinflation, politische Unruhen im Werk nieder? Sind die Themen der drei Denker 100 Jahre später noch aktuell? Deutlich werden bei der Lektüre des Bands signifikante Differenzen zwischen ihren Positionen, etwa dort, wo Benjamin im Kapitalismus – anders als Bloch, den er schon 1919 in Bern kennengelernt hatte – keine „Perversion des Christentums“ (Beat Dietschy, 85) erkannte. Volker Schneider wiederum kann zeigen, wie sich in den 1920er-Jahren die Marxismusverständnisse der drei Protagonisten deutlich voneinander unterschieden. Während zumindest bis 1924 Benjamins „Rekurse auf den historischen Materialismus […] bloße Beschwörungsformeln“ (Theodor W. Adorno, zit. bei Schneider, 154) blieben, verstand die Brecht-Forschung den Literaten lange Zeit als „genuinen Marxisten“ (ders., 155). Hier kann Schneider zeigen, dass Brechts Kapitalismuskritik keineswegs orthodox marxistisch oder gar (wie ihm auch vorgeworfen wurde) stalinistisch imprägniert war; er ist „allenfalls als kritischer Parteigänger der kommunistischen Sache zu sehen“ (ders., 154). Bloch wiederum ist in der kreativen Fortführung der Marx’schen Theorie am stärksten um eine erkenntnistheoretische Erweiterung dieser bemüht. Auf die oben gestellten Fragen bieten die Aufsätze nur teilweise Antworten (oder: Teilantworten). Dennoch lohnt die Lektüre des Sammelbands, bietet er doch unzählige Einblicke in die politisch-ideologische Gemengelage um 1923, die zwar nicht mit 2023 direkt zu vergleichen ist, aber Denkimpulse vermitteln kann, die der aktuellen Debattenkultur sicherlich mehr argumentativen Tiefgang verleihen könnten.