Stichwort

Correctio fraterna des zornigen Jesus?

Jüngst wurde die Fachwelt durch einen spektakulären Fund überrascht, einen Brief, der inzwischen unter dem Titel „Epistula ad Nazarenum iratum“ firmiert. Autor ist der Philosoph Seneca, Adressat der Nazarener Jesus; Anlass ist explizit die auch in den vier Evangelien überlieferte Tempelreinigung. Der Mainstream der Forschung wagt deshalb eine Datierung auf das Frühjahr 33 n. Chr.:

„Mein lieber Jesus von Nazareth, anders als mein Bruder Novatus hast Du mich zwar nicht aufgefordert zur Abfassung einer Schrift über die Mittel, durch die man den Zorn beschwichtigen könne; aber nach dem, was jüngst aus dem fernen Jerusalem hierher als Kunde nach Rom gedrungen ist, hättest Du, wie mir scheint, allen Grund dazu, gerade diese Leidenschaft zu fürchten, die unter allen die widerwärtigste und rasendste ist. Was für ein Bild hast Du da geboten, als Du die armen Händler aus dem Hof des Tempels getrieben und ihre Tische umgestoßen hast. Mit einer Geißel! Die Augen flammten und blitzten, das ganze Antlitz war hochgerötet durch den Andrang des aus dem tiefsten Herzen emporquellenden Blutes, die Lippen zitterten, die Zähne pressten sich zusammen. Es war, wie man mir zuverlässig überbrachte, das entsetzliche Aussehen eines sich selbst entstellenden Menschen. Womöglich bist Du blind dem gewiss ehrwürdigen Aristoteles gefolgt, der behauptet ,Der Zorn ist unentbehrlich; er muss die Seele erfüllen und den Geist anfeuern.‘ Das ist nicht richtig! Der Zorn ist ein Fehler der Seele! So sehe ich mich genötigt, Dich, den Fehlenden, zu bessern durch Mahnung. Bedenke dies: ist die Seele einmal in Bewegung gesetzt und aus dem Gleichgewicht gekommen, so wird sie zur Dienerin dessen, der auf sie einwirkt. Bei manchen Dingen liegen die Anfänge noch in unserer Hand; im weiteren Verlaufe aber reißen sie uns mit sich fort und machen den Rückzug unmöglich. Der beste Rat ist es, die erste Regung des Zornes auf der Stelle von sich zu weisen und seine Angriffe gleich im Keime zu ersticken und alles daranzusetzen, nicht in die Gewalt des Zornes zu kommen. Denn hat er einmal angefangen uns vom rechten Wege abzuziehen, so ist es übel bestellt um die Rückkehr zum Seelenheil, weil die Vernunft nichts mehr zu sagen hat, wo die Leidenschaft einmal ihren Einzug gehalten hat, und wo ihr mit unserer Einwilligung ein gewisses Recht eingeräumt worden ist. Hab also in Zukunft mehr acht auf Dein Seelenheil, lass Deine Vernunft Herrin sein, nicht deine Leidenschaften, geschätzter Jesus, und wehre den Anfängen des Zornes (obsta principiis irae).“

Seneca versus Jesus

Auch wenn von den sich überlappenden Lebensdaten her ein solcher Brief Senecas an seinen Zeitgenossen Jesus von Nazareth historisch durchaus möglich gewesen wäre, werden Kenner:innen – vielleicht schmunzelnd – gemerkt haben, dass sie aufs Glatteis geführt wurden. Der Brief ist kein Sensationsfund, sondern fiktiv – und doch gewissermaßen authentisch. Denn er schöpft in etlichen Formulierungen aus der echten Schrift „De ira“, die Seneca in den 40er Jahren für seinen älteren Bruder Novatus verfasst hat und mit der er ihm nahelegte, gegenüber dem Zorn, den er nur negativ einschätzt, Impulskontrolle einzuüben.

Der marginalisierte Zorn Jesu

Hält man das dreiteilige Werk „De ira“ neben die Evangelien, drängt sich der Eindruck auf, dass Seneca und Jesus in puncto Zorn nicht auf einer Wellenlänge lagen. Seneca hätte tatsächlich Grund zu einer – wohltemperierten! – correctio fraterna sehen können. Denn Jesus zeigt sich in den Evangelien nicht als stoischer Weiser, der in ataraxia unberührt über den Dingen steht. Die Tempelreinigung stellt zwar die spektakulärste Zornesäußerung dar, aber keineswegs die einzige. Mitunter riskiert Jesus kraftvolle Ausdrücke, um zu provozieren und aufzuwecken: Gräber, von außen schön getüncht, innen aber voller Verwesungsgeruch, Heuchler, Nattern und Schlangenbrut (Mt 23,27 ff.). Selbst seinem „inner circle“ kann er deutlich die Stirn bieten, wenn es von der Sache her angezeigt ist. Als Petrus ihn von seinem Weg nach Jerusalem abbringen will, herrscht er ihn an mit „Satan, hinter mich“ (Mt 16,23). In der Synagoge sieht er die verstockt und verhärtet Schweigenden an „voll Zorn und Trauer über ihr hartes Herz“ (Mk 3,1–6). Mitunter lässt ihn die erfahrene Abwehr gereizt reagieren: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch?“ (Joh 8,25).

Nicht selten hat sich das theologische Bemühen um ein eindimensionales, glattes und in allem stimmigen Gesamtbild Jesu mit diesen Passagen schwergetan; für die an Spannungsfreiheit interessierten Systematiker waren sie irritierend. Weil sie etwa mit der Seligpreisung der Gewaltlosen in der Bergpredigt nicht leicht harmonierten, wurden sie zur crux interpretum. Posthum wurde Jesus tatsächlich eine correctio zugemutet, indem man mit spekulativer Zudringlichkeit das Jesusbild um die zornigen Züge bereinigte und seine Liebe weichzeichnerisch als blutleere Sanftmut deutete, oder indem man im trinitarischen Drama eine Art Rollenteilung vornahm, die den (gerechten) Zorn dem göttlichen Vater zuschrieb und den Sohn als den sah, der sich ihm aussetzt, den väterlichen Zorn so von der Welt auf sich ableitet und dadurch wie ein Blitzstrahl zerspaltet.1

Es wäre der exegetischen Forschung wert, die Rezeptionsgeschichte des Neuen Testaments daraufhin zu befragen, ob im Blick auf den Zorn nicht Paulus und manche der Deuteropaulinen die Oberhand behielten und so einer undifferenzierten Negativsicht des Zorns Vorschub leisteten – so dass Jesus auch dadurch eine correctio fraterna widerfuhr. Dort (z. B. Gal 5,19–22; Eph 4,31 f; Kol 3,8 ff; 1 Tim 6,3 ff) werden Sanftmut, Freundlichkeit und Güte einseitig sehr hochgeschätzt und als das Ideal christlichen Lebens hingestellt: „Der Knecht des Herrn soll nicht streiten, sondern zu allen freundlich sein“ (2 Tim 2,24). Ärger und Zorn werden nicht selten in einem Atemzug genannt mit anderen Bosheiten und pauschal als sündig verurteilt.

Entsprechend listet die spirituelle Tradition den Zorn bald unter den Wurzelsünden auf. Ein Blick auf manche Ratschläge zum Umgang mit dem Zorn lässt kritisch fragen, ob auch sie sozusagen mehr Seneca als Jesus atmen. In einem Apophthegma, das Abba Isidor zugeschrieben wird, heißt es: „Seitdem ich Mönch geworden bin, mühe ich mich ab, es nicht zuzulassen, dass der Zorn bis zur Kehle heraufkomme.“ Erasmus von Rotterdam widmet sich der Frage, was man tun kann, wenn der Zorn kein „kleiner Gedanke“ mehr ist: „Läuft dir die Galle über und kannst du dich nicht sogleich gegen dein Zornigwerden wehren, so komme wenigstens so weit zur Besinnung, dass du dir bewusst wirst, nicht bei gesundem Verstand zu sein. Dieser Gedanke ist schon ein nicht geringer Schritt zur Genesung. So denke denn bei dir: jetzt bin ich aufgebracht, etwas später werde ich wieder anderen Sinnes sein.“2 Wäre dementsprechend der Zorn Jesus im Tempel ein entgleisender Verlust an Selbstkontrolle? War er nicht bei gesundem Verstand?

Nur die Verfallsform im Blick

Auffällig dabei ist, dass man mit dem Worten „Zorn“ bzw. „Aggression“ fast immer nur deren Verfallsform assoziiert, nämlich ein destruktiv-gewaltsames Verhalten. Dass es auch einen lebensförderlichen Zorn geben kann, kommt kaum in den Blick. Die Nachwuchsphilosophin Vivian Knopf arbeitet auch mit Bezug zu Seneca heraus, dass Zorn in der Philosophiegeschichte oft als gleichbedeutend damit galt, irrational zu werden, die Kontrolle zu verlieren und Gewalt auszuüben. Als markanten Kontrast dazu zitiert sie Aristoteles: „Wütend auf den Richtigen zu sein, in richtigem Maß, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.“3 So sehr Wut einem Balanceakt gleicht und die mesotes, die Mitte zwischen den Extremen zu halten ist, hält Aristoteles Wut zumindest okkasionell für eine angemessene Reaktion, z. B. um sich zu wehren gegen demütigendes Verhalten bzw. um seine eigene Würde zu schützen. Nach wie vor aber dominieren andere Stimmen. Die Erziehungswissenschaftlerin Julia Riebel bemerkt, dass in vielen Disziplinen inzwischen zwar randständig auch eine solche gutartige, konstruktive Gestalt von Aggression erwähnt, dann aber meist schnell wieder ausgeblendet werde zugunsten einer rein destruktiven Sichtweise.4

Ein Lob der Zürnkraft

Vor diesem Hintergrund klingt es wie ein prophetischer Weckruf, wenn Josef Pieper ein „Lob der Zürnkraft“5 anstimmt und damit herausfordert, die Aggressionskraft zumindest partiell umzuwerten. Pieper ist hier bei Thomas von Aquin in die Schule gegangen.6 In dessen Anthropologie (I q. 81) und Ethik spielt die Zürnkraft eine bedeutende Rolle. Sie ist für ihn die „Vorkämpferin“ (I q. 83) der Begehrkraft. Mitunter muss sich die vis concupiscibilis der vis irascibilis bedienen, es kommt zu einer emotionalen Legierung, und zwar bei dem, was er die steilen Güter, die bona ardua nennt. „Deshalb … ist dem sinnbegabten Wesen die Abwehrkraft gegeben, auf dass die Hindernisse entfernt werden, welche die Begehrkraft abhalten, um nach ihrem Gegenstand zu streben: beim Guten wegen der Schwierigkeiten, es in Besitz zu nehmen; beim Bösen wegen der Schwierigkeit, es fernzuhalten. Und deshalb münden alle Leidenschaften der Abwehrkraft in die Leidenschaften der Begehrkraft.“7 Der Zorn wäre also tatsächlich zunächst als eine „intensive Form von Energiebereitstellung“8 zu würdigen, um vor Gütern, die zu erreichen widerständig ist, nicht zu kapitulieren; ein Zuwenig an solcher lebensförderlicher Aggressionskraft wäre sogar als „Impotenz des Herzens“9 zu beklagen.

So bedacht ist es keineswegs vermessen, auch ein Lob der Zürnkraft Jesu zu singen. Das kann einhergehen mit der theologischen Neubewertung der biblischen Aussagen zum Zorn Gottes, wie sie seit einigen Jahren praktiziert wird. Nimmt man den Gott der Liebe ernst, der unbedingt für den Menschen und sein Heil entschieden ist, dann kann er nicht gleichgültig bleiben gegenüber Unrecht und Leid. „Gott, so glauben wir, ist nicht gleichgültig … Wer liebt, aber nicht zornig sein kann, liebt eigentlich nicht.“10 Liebe ohne Zorn wäre Apathie und Zynismus. Im Zorn Gottes artikuliert sich sein Widerwille gegen eine pandemische Ausbreitung der Bosheit. Der Zorn Gottes ist vor diesem Hintergrund nicht als eine cholerische Gefühlsaufwallung zu verstehen, sondern als eine Weise, seine Liebe und Leidenschaft für das unversehrte Leben zu zeigen. Im Zorn Gottes schwankt nicht Gottes Liebe, sie zeigt sich vielmehr in der „Gestalt des Nicht-gleichgültig-bleiben-Könnens“11. Diesen Zorn Gottes inkarniert Jesus, auch in der prophetischen Zeichenhandlung im Tempel.

Zorn – ein spirituelles Lernziel

Fulbert Steffensky zählt zu den wenigen Autoren, die diese Linie auf die christliche Existenz hin weitergezogen haben. Er rehabilitiert den Zorn als „eines der Charismen des Herzens“12 und plädiert dafür, die Narkotisierung gegenüber Ungerechtigkeit und Leid zu überwinden. Das eigene Gewissen zu bilden, hieße auch, Ungeduld und Zorn zu lernen über „Zustände, in denen die einen überfressen sind und die anderen hungern … Das gebildete Herz ist nicht neutral.“13 Christlich zu leben, bedeutet in dieser Perspektive also durchaus, sich den Affekt des jesuanisch-göttlichen Zornes anzueignen: „Christus wurde zornig. Wo bleibt unser Zorn? Zorn ist die Eigenschaft eines gebildeten Herzens, das nicht alles erträgt und hinnimmt.“14

Fußnoten

01 So in Kritik an von Balthasars Theodramatik G. Bachl, Der schwierige Jesus, Innsbruck 21996, 97 f.

02 Erasmus von Rotterdam, Handbüchlein des christlichen Streiters, Münsterschwarzach 2015, 185.

03 Aristoteles, Nikomachische Ethik II, Cap. 9.

04 J. Riebel, Heiliger Zorn und Harmonie – positive Seiten von Aggression?, Hamburg 2023, IX.

05 J. Pieper, Das Viergespann, München ⁶1991, 267.

06 Zum folgenden ausführlicher: E. Schockenhoff, Die Lehre von den passiones animae in der Anthropologie des Thomas, in: M. Thurner/Ch. Schäfer (Hrsg.), Passiones Animae – Die „Leidenschaften der Seele“ in der Mittelalterlichen Theologie und Philosophie. Ein Handbuch, Berlin 2013, 225–244.

07 STh I–II, q. 23.

08 P. Sloterdijk, Zorn und Zeit – Politisch-psychologischer Versuch, Frankfurt/M. 2006, 89 f.

09 E. Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, Reinbek 1977, 218.

10 H. Zaborowski, Im Zorn die Liebe – Wie von Gott sprechen – und wie nicht, in: Internationale Katholische Zeitschrift 34 (2005), 383–389, hier 389

11 J.-H. Tück, Der Zorn – die andere Seite der Liebe Gottes. Dogmatische Erwägungen zur Wiederkehr eines verdrängten Motivs, in: Theologie und Philosophie 83 (2008), 385–409, hier 408.

12 F. Steffensky, Schwarzbrotspiritualität, Stuttgart 2006, 124.

13 Ders, Kanon fürs gute Leben. Die sieben Werke der Barmherzigkeit, in: Christ & Welt 29/2015.

14 https://www.spielundzukunft.de/magazin/zorn-ist-die-eigenschaft-eines-gebildeten-herzens#:~:text=Christus%20wurde%20zornig.,nicht%20alles%20ertr%C3%A4gt%20und%20hinnimmt. [Aufruf 24.03.2025].

Der Autor

Dr. theol. habil. Michael Höffner (hoeffner@bistum-muenster.de), geb. 1971 in Dinslaken, Professor für Theologie der Spiritualität am Campus für Theologie und Spiritualität Berlin (Philosophisch-Theologische Hochschule Münster). Anschrift: Horsteberg 20, 48143 Münster. Veröffentlichungen u. a.: (zus. mit M. Röbel) Fraglos glücklich? Philosophische und theologisch-spirituelle Rückfragen an Jan Loffelds „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt, www.herder.de/communio/theologie/philosophisch-theologische-rueckfragen-an-jan-loffelds-wenn-nichts-fehlt-wo-gott-fehlt-fraglos-gluecklich/ [Aufruf: 01.06.2025].