Editorial

„Auch im Lamm ist Zorn“ – dieses geflügelte Wort, das in seiner Widersprüchlichkeit wie ein Oxymoron daherzukommen scheint, ist biblisch begründet. Im Buch der Offenbarung heißt es, dass die Mächtigen der Erde zu den Bergen und Felsen sagten: „Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes; denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen. Wer kann da bestehen?“ (Offb 6, 16f.)

Der „Zorn“ ist das Thema dieser Ausgabe von „Wort und Antwort“. Michael Höffner (Münster/Berlin) führt mit einem Beitrag zum zornigen Jesus ein (was ebenfalls wie eine widersprüchliche Aussage wirkt) und macht deutlich, dass Zorn sogar zu einem spirituellen Lernziel werden kann. Johannes Roth OFM (Frankfurt/M.) untersucht den Zorn Gottes, wie er in der Hebräischen Bibel zu finden ist. Ihm gemäß zählt der Zorn zu den Eigenschaften Gottes, ohne aber zu seinem Wesen zu gehören. Moralpsychologische Erwägungen zum Zorn als Emotion im Ausgang von Thomas von Aquin stellt Ralf Lutz (Graz) an. Wolfgang W. Müller OP (Luzern) setzt sich mit der liturgischen Sequenz des „Dies irae“ in der Begräbnisliturgie auseinander, die in heutigen Gottesdiensten keinen Eingang mehr findet. Er plädiert dafür den Zorn Gottes theologisch wieder zum Thema zu machen. Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer (Berlin) setzt sich mit dem Zorn im Kontext rechtsautoritärer und antidemokratischer Projekte auseinander. Ein weiterer Beitrag, verfasst von Kerstin-Marie Berretz OP (Vechta) fragt nach der Auseinandersetzung mit persönlichem Zorn, wie sie in Begleitung eines Coaches geschieht. Als „Dominikanische Gestalt“ wird seitens Norbert Schmeiser der dominikanische Laie Claudius Lavergne beschrieben, der im ausgehenden 19. Jahrhundert als Glas-, Portait und Historienmaler tätig war und durch seine teilweise recht polemische Kunstkritik aufgefallen ist. Maximilian Gentgen OP (Wien) erinnert in der Rubrik „Wiedergelesen“ an den stoischen Philosophen Seneca und seinem Text „De ira“.

Wir wünschen den Lesern einen sachlichen Umgang mit diesem emotionalen Thema!

Christoph Bergmann OP / Thomas Eggensperger OP