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Gerhard Marschütz, Gender-Ideologie!? Eine katholische Kritik, Echter Verlag Würzburg 2023, 240 S., € 29,–.

G. Marschütz, emeritierter Professor für Theologische Ethik an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien, ist kein Neuling in der Gender-Debatte. Bereits vor mehr als zehn Jahren setzte er sich in einem Beitrag für die „Herder Korrespondenz“ kritisch mit der Gender-Kritik der Publizistin Gabriele Kuby auseinander (vgl. HK 9/2014, 457–462). Das vorliegende Buch nimmt diesen Faden wieder auf und vertieft die Thematik noch einmal. Als Leitlinie dient dem Autor die Kategorie der Beziehung. Anstatt den Menschen im Blick auf sex und gender essentialistisch zu interpretieren, deutet Marschütz ihn – ausgehend vom Gedanken der Ebenbildlichkeit mit Gott – relational. Dem Ideologievorwurf der konservativen Kritiker:innen, nach dem das Geschlecht von Genderaktivist:innen losgelöst von biologischen Vorgaben begriffen und so zur frei wählbaren Konstruktion verkomme, sucht Marschütz theologisch zu begegnen, indem er Weiblichkeit, Männlichkeit und Diversität als Konsequenz der unbedingten Zuwendung Gottes interpretiert. In Kapitel 1 (17–58) befasst sich der Verf. mit der hinter der konservativen Genderkritik aufscheinenden naturrechtlich gegründeten Geschlechteranthropologie, wie sie die letzten drei Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus vertreten haben.

Kapitel 2 kritisiert die These der 2015 veröffentlichten „Salzburger Erklärung“ (2015), nach der „die Anthropologie der Genderideologie völlig unvereinbar ist mit dem Menschenbild der biblischen Offenbarung“, theologisch. Dazu greift Marschütz auf Judith Butlers Theoriebildung zurück (64–79; 139–168), unterzieht den ersten Schöpfungsbericht einer kritischen Relecture (92–101), markiert zentrale Merkmale der katholisch-fundamentalistischen Versuchung (112–124) und entlarvt die rechte politische Agenda, die sich hinter dem kirchlichen Anti-Genderismus versteckt (125–139). In Kapitel 3 eröffnet Marschütz „[w]eiterführende Perspektiven“ (169), die auf eine „[f]reiheitstheologische Logik“ (229) aufbauen. Ausgehend von der dogmatischen Qualifizierung der Selbstoffenbarung Gottes als Liebe schlägt der Verf. einen neutestamentlich orientierten Paradigmenwechsel vor: vom Primat der Natur … zum Primat der Liebe (vgl. 194, 198). Der biblische Beziehungsbegriff, wie er vor allem bei Paulus, aber auch im Markus- und Matthäusevangelium ausbuchstabiert ist, hilft dazu, eine erneuerte theologische Denkform zu etablieren, die nicht mehr von einer „starren Naturrechtslogik“ (199), sondern von einer „personalen Beziehungslogik“ (ebd.) geprägt ist. Vor diesem Hintergrund kommt Marschütz zum Ende seiner Untersuchung zu einer wirklich anregenden „Würdigung des wunderbar komplexen Lebens“ (206–217), die er abschließend auch menschenrechtlich, d. h. politisch expliziert. Damit bleiben die systematisch-theologischen Einsichten nicht im luftleeren Raum hängen, sondern verorten sich als aufklärerische Kritik in den ganz konkreten queer-politischen Kämpfen um Geschlechtergerechtigkeit in Gesellschaft und Kirche. Ein wichtiges Buch, dem viele Leser:innen, nicht nur aus der LGBTQI+-Community, gewünscht seien!

Ulrich Engel OP, Berlin